Zugezogen Maskulin „Alle Gegen Alle“ / Review

Zugezogen Maskulin verschonen auf Alle gegen Alle niemanden – nicht einmal sich selbst.

Will man Zugezogen Maskulin einen Gefallen tun, spricht man einfach mal über Musik. Darüber, dass der Produzent Silkersoft, der den Großteil ihres neuen Albums Alle gegen alle verantwortet, mit seinen Overdrive-Synthies ins nächste Bootcamp von Kanye West gehört. Und über die Synergie zwischen der Lässigkeit von Rapper Testo und den theatralischen Zeilen von Grim 104, die sich wie die Tentakel einer rappenden Krake um den Hörer schlingen. Überhaupt: Zugezogen Maskulin verschonen niemanden – nicht einmal sich selbst. Alle gegen alle ist Menschenhass in zwölf Kapiteln. Das Duo profiliert sich damit als endgültiges Deutschrap-Korrektiv.

Menschenhass in zwölf Kapiteln

In einer selbstverliebten Kultur, die um scharfe Handfeuerwaffen und überteuerte Treter oszilliert, stellen Zugezogen die unbequemste aller Fragen: Wie politisch kann hiesiger Rap heute sein? Allem Protektionismus zum Trotz stellt man fest, dass Alle gegen alle so deutsch klingt wie kaum ein zweites Rapalbum dieser Tage. Und das nicht, weil Zugezogen Maskulin unter der Leitung von Markus Ganter etwaigen Indie-Trap zelebrieren (siehe Titeltrack), sondern weil es ihnen um nicht weniger als die Frage nach der eigenen Identität geht.

Grim und Testo suchen sie zwischen der kleinstädtischen „Grünkohlromantik“ ihrer ost-/westdeutschen Vergangenheit und der neoliberalen Versmoothiesierung ihrer Wahlheimat Berlin – und landen zwischen brennenden Geflüchtetenheimen, sich selbst optimierenden Fitnessfreaks und Youtube-Make-up-Tutorials. Die Hintertür, durch die Zugezogen Maskulin ins dunkeldeutsche Dickicht eintreten, ist purer Sarkasmus. So lassen einen die ungemütlichsten 40 Minuten in diesem Herbst mit einem lachenden und zwei weinenden Augen zurück. Und mit der Gewissheit, dass den Produktionen von Silkersoft die Zukunft gehört.

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