Zucker & Trümmer: Der neue Simplizismus

Zucker alias Pola Lia Schulten und Christin Elmar Schalko (v.l.) – Ce ne sont pas les fleurs du mal
Fotos: David Fischer

Zwei geniale Dilettantinnen und drei angehende Pop-Prinzen: Die Bands Zucker und Trümmer stoßen in das Hamburger-Vakuum der letzten Jahre. Arroganz und Haltung, Klarheit und Experimentierfreude – alles fügt sich zusammen. Ab Freitag dann auch live bei der Monster Of SPEX-Tour.

Das Beste zuerst: Es ist immer noch 2012, und die Gruppe Trümmer gibt es nicht im Internet. (Anm.: Dieser Artikel erschien erstmals in SPEX N°341, der November Dezember/Ausgabe.) Ein paar Splitter hier und da, so ganz lässt sich das nicht vermeiden, aber kein Facebook, kein Twitter, keine Soundcloud, kein Bandcamp. »Als Strategie würde ich das nicht bezeichnen«, sagt Trümmer-Bassist Tammo Kasper. »Aber wir sahen den Sinn darin nicht. Diese übliche Facebook-Seite, auf der man dann seine Songs parat hält. Was soll das?«

Wir werden noch viel über die Musik dieser Bands schreiben, wenn sie nächstes Jahr hoffentlich beide großartige Alben veröffentlichen werden. Heute, hier und jetzt viel interessanter ist: das Heute, Hier und Jetzt. Und die Haltung. Beziehungsweise die Tatsache, dass sie überhaupt eine haben. Das Einzige, was es bis jetzt von Zucker und Trümmer gibt: eine (mittlerweile bereits vergriffene) Split-EP auf dem ältesten DIY-Tonträger der Welt, der Kassette. In Worten: ein Demotape. Das mag man prätentiös finden, aber natürlich ist es eine geniale Vorgehensweise in Zeiten omnipräsenter Contents und damit einhergehender Beliebigkeit: Man muss etwas tun, um dieses Demo hören zu können, und sei es, den alten Taperecorder aus dem Keller zu holen. So eine Arroganz als vollkommen unbekannte Band muss man sich erst mal erlauben. Und das finden wir gut.

Kurz das Nötige an Eckdaten: Die genialen Dilettanten Zucker gibt es seit März dieses Jahres. Christin Elmar Schalko, früher bei Lumières Claires, hatte eine Weile alleine Musik gemacht und dann Pola Lia Schulten gefragt, ob sie nicht singen wolle. Seitdem spielen die beiden vorzugsweise jene Instrumente, die sie am wenigsten beherrschen und destillieren aus dieser Limitierung einen herrlich zauberhaften Lo-fi-Schabernack. Eine bewusste Auslieferung mit noisy Lautmalereien, reduziert, auf den Punkt, mit viel Gepiepe und Geblinke. Trümmer-Sänger Paul Pötsch und Tammo Kasper machen indes schon länger zusammen Musik. Schlagzeuger Maximilian Fenski lernten sie bei einer Geburtstagsfeier im Brandenburgischen kennen. Im April 2012, also im Prinzip auch erst vor ein paar Wochen, gründeten sie zusammen die Gruppe Trümmer.

Und nun haben beide Bands ein gemeinsames Problem: In Hamburg ist in den vergangenen Jahren ein Vakuum entstanden, bedingt durch Berlinflucht, Gentrifizierung, Lado-Pleite, die sogenannte HafenCity, die Entwicklung des Kiez zur 24-Stunden-Event-Sauf-und-Fress-Meile Ballermann’schen Zuschnitts. Die in den 80er- und 90er-Jahren erkämpften Nischen für alternative Subkulturprojekte, einst beispielhaft, sind kleiner geworden. Was in der Stadt aber trotz alldem immer noch funktioniert, sind jene etablierten Indie- und Sonstwas-Strukturen, die die Altvorderen aufgebaut haben. Weil zuletzt so wenig nachkam, ist Pop-Hamburg für viele immer noch: Tocotronic, Distelmeyer, Buback, Beginner, Pudel, Studio Braun, Zitronen … Eine Indie-Aristokratie, deren Strukturen in den vergangenen rund 15 Jahren höchstens die Grand-Hotel-Crew und Audiolith etwas durcheinander wirbelten. Aber wie soll man als junger Mensch gegen derart verdiente, wichtige Institutionen opponieren?

Trümmer
Trümmer alias Tammo Kasper, Paul Pötsch (v.l.), Maximilian Fenski (h.)
Hamburger Gymnastikübung Nummer 17: Blick in die Ferne

Am besten natürlich, indem man es gar nicht erst versucht. »Man muss sich doch gar nicht in dieses Bezugssystem setzen«, sagt Tammo. »Wir wollen einfach etwas Neues anbieten und uns über unsere Jugend definieren.« Das klingt ehrenhaft, aber auf Dauer werden zumindest Trümmer dem genannten Referenzrahmen nicht entkommen: Paul Pötsch sieht aus wie der junge Jochen Distelmeyer, Attitüde und Aplomb erinnern bei den beängstigend intensiv-guten Trümmer-Konzerten auf nahezu gespenstische Weise an die jungen Blumfeld. Aber auch: an Dackelblut und andere Jens-Rachut-Projekte sowie an US-College-Rock. In gewisser Weise sind Trümmer schon jetzt Teil des Hamburger Pop-Hochadels, sind sie doch beim traditionsreichen ZickZack-Label von Alfred Hilsberg angedockt, dessen Verdienste man übrigens gar nicht genug würdigen kann.

»Nichts wird mehr kommen«, singt Paul in »Anything Goes«. Und es ist in der Tat ein Problem: »Pop ist tot«, sämtliche Gesellschaftsmodelle haben ausgedient und versagt, alles war schon mal da, blabla. Trotzdem kommen immer wieder 20-Jährige nach, und wo sollen die dann hin? Was, neben der herausragenden Bühnenpräsenz, bei diesen Bands aufhorchen lässt: Es gibt bei Zucker und Trümmer endlich wieder ein Wir und ein Ihr. Höchste Zeit, nachdem es in der Konsensrepublik Deutschland seit Jahren nur ein lähmendes, alles in Kauf nehmendes Unisono-Wir zu geben schien. »Eigentlich ist es gut, dass alles komplexer geworden ist und es nicht mehr so klare Feindbilder gibt wie früher«, sagt Paul. »Ich finde zum Beispiel gut, dass der Polizist nicht mehr automatisch der Feind ist. So einfach ist es ja nicht. ›If you want to fight a system you gotta fight yourself!‹ Das sollte doch der nächste Schritt sein: dass man nicht nur sagt, die sind böse, sondern dass man selbst registriert, dass man systemerhaltend arbeitet und lebt, in allem versickert ist.«

Derartige Erkenntnisse verkündet Paul in seinen Songs mit leicht verständlichen Worten, die aus seinem Mund jedoch wie letzte Wahrheiten klingen. »Das Problem an deutschen Texten ist, dass sie sehr zu Intellektualität neigen, dem möchte ich vorbeugen«, sagt er. »Ich stehe total auf einfache Texte. Rio Reiser, Hilde Knef, Marlene Dietrich, dieses Schlagerhafte. Wir suchen nach einer Form von Einfachheit, die nicht banal ist.« »Es braucht eben Mut, zu seinen Inhalten zu stehen«, ergänzt Pola, denn die klare Sprache ist eine weitere Parallele zwischen diesen musikalisch so unterschiedlichen Bands. Zum Schluss doch noch mal Hamburg: In München, Berlin oder Köln hätte weder die Musik von Trümmer noch die von Zucker so entstehen können. Und das ist in einer Facebook-globalisierten Popwelt, in der der Produktionsort im Prinzip keine Rolle mehr spielt, durchaus eine gute Nachricht.

   Ab Freitag gehen Trümmer und Zucker (letztere als DJs) gemeinsam mit Messer auf der Monsters Of SPEX-Tour durch Köln, München, Hamburg und Berlin. Nachfolgend der erste Trümmer-Song, der es gestern in Netz schaffte.

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