zeitkratzer (feat. Lou Reed)

In einem sicheren Boot schaukelst du mitten auf dem Ozean ruhig in den Schlaf. Schlagartig wirst du geweckt von Presslufthämmern, Sirenen und ratternder Bahnen. So ähnlich muss es dem ergangen sein, der mit Lou Reeds Hit »Walk On The Wild Side« im Ohr im Jahre 1975 sein Doppelalbum »Metal Machine Music« auflegte. Doch inzwischen weiß jeder, der auch nur mit dem Fingernagel an The Velvet Underground und Reeds Solokarriere kratzt, um seine kontinuierliche Beschäftigung mit den Selbsterregungsmöglichkeiten elektrischer Gitarren und um den wichtigen Einfluss der Pioniere der elektronischen und minimalen Musik wie Steve Reich oder Iannis Xenakis.

    Was Reed in seinem Appartement mit ein paar umgestimmten, an ihre Amps gelehnten Gitarren erzeugte, galt trotzdem als unwiederholbarer Ausreißer, bis es 25 Jahre später vom Berliner Ensemble Zeitkratzer für ein klassisches Ensemble transkribiert wurde – mit einem verblüffend ähnlichen Ergebnis. Bei der Uraufführung der neuen Fassung griff Reed fünf Minuten vor Schluss höchstpersönlich in die Seiten, ließ als Master of Ceremony alle anderen verstummen. Das passt in Reeds derzeitige Selbsthistorisierungsphase, ist bei weitem nicht so verspielt wie das ursprüngliche Ende der Doppel-LP: eine stampfende Beatschleife, die solange erklang, bis jemand den Tonarm aus der Rille hob. Der Live-Mitschnitt von »Metal Machine Music« erscheint nun im Doppelpack, CD plus DVD. Im enthaltenden Interview preist ein nervös wirkender Diedrich Diederichsen diese Musik als Neuerfindung, ohne Tradition. Reed beschwichtigt: »I never thought of it that way. It was very obvious to me because I like that kind of a sound.« John Cage, ein weiterer Traditionsbegründer, hielt Musik als Gegenstand für bedeutungslos.

    »Ein abgeschlossenes Werk ist ein Gegenstand und verlangt Wiederauferstehung.« Zeitkratzer haben mit ihrem Konzert »Metal Machine Music« seine Bedeutung zurückgegeben und mit dieser schönen Edition gleich wieder ins Museum verfrachtet.

LABEL: Asphodel

VERTRIEB: Alive

VÖ: 31.08.2007

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