Your Friend »Gumption« / Review & Vorabstream

Your Friend verlangt nach einer Entscheidung: Verweigert man sich der Erinnerung oder dem Neuen gegenüber?

Zwei grundlegende Möglichkeiten bleiben im Umgang mit dem popmusikalischen Gedächtnis: der Rückgriff auf den (eigenen) Kanon, also eine Verweigerung dem Neuen gegenüber oder eine Verweigerung der Erinnerung gegenüber, um durch genaues Hinhören (eventuell vorhandene) Eigenheiten des Neuen zu erkennen. Erkenntnis ist bekanntlich nicht immer einfach. So was dauert. Aber wenn es soweit ist, dann schluchzt man und heult oder springt euphorisch in die Luft.

»Heathering«, das Eröffnungsstück des Debütalbums von Taryn Miller alias Your Friend, wandelt in Klang und Attitüde schon fast unverschämt offensichtlich auf den Pfaden von Beach House und Lower Dens und verlangt damit eine Entscheidung: Verweigert man sich der Erinnerung oder dem Neuen gegenüber? Miller ging bisher den sozusagen klassischen Weg unabhängiger Künstlerinnen. Die in Kansas lebende Musikerin tourte mit Courtney Barnett, spielte auf der wichtigen Musikmesse SXSW in Austin, lässt sich von Nicolas Vernhes (The War On Drugs, Deerhunter) produzieren und … An dieser Stelle bricht die sich einschleichende Produktwerbung ab, weil gerade Millers Song »Come Back From It« läuft und einen komplett in sich aufsaugt.

»Gumption könnte es neben Lucrecia Dalt in den kathartischen Giftschrank melancholischer Schmerzmittelmusik schaffen.«

Ganz weit im Hinterkopf blitzen noch die eingangs genannten Assoziationen auf, dahinter funkeln Mazzy Star, Cowboy Junkies, Mecca Normal sowie Cocteau Twins und This Mortal Coil. Aber das sind nur mehr verzweifelte Einordnungsversuche einer Shoegaze-genormten Wahrnehmung. Spannender wäre es, Your Friends Wirkung auf Menschen mit deutlich anderem oder kürzerem Erfahrungshorizont bei gleicher popmusikalischer Rahmung zu untersuchen. Ich persönlich falle jedenfalls rein. Lasse mich hängen. Deute Millers Lyrics um in die eigene Sprache. Und bemitleide mich selbst eine Weile.

Gumption könnte es aktuell neben der wunderbaren Lucrecia Dalt in den kathartischen Giftschrank melancholischer Schmerzmittelmusik schaffen. Und es entwickelt diese auch zeitgemäß weiter, etwa wenn in »Who Will I Be In The Morning?« Drones und Loops und ambiente Schichtungen die Melodien und den Gesang unaufdringlich an die Hand nehmen und auf neues Terrain führen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here