Wrangler »White Glue« vs. Factory Floor »25 25« / Doppelreview

Funky im doppelten Sinne: Sowohl Wranglers White Glue als auch Factory Floor25 25 sind rhythmisch schweißtreibend und stimmungsmäßig leicht bedrohlich.

Die authentizitätsgeile Geschichtsschreibung schwarzer Musik beruft sich natürlich nur auf eine Etymologie, wenn es um Funk geht: »Nach Schweiß riechend« soll funky demnach meinen, was auch nicht falsch ist. Funky meint aber nicht nur üblen Körpergeruch, sondern verweist in einer anderen Etymologie auf noch stärkere Emotionen: »A state of fear or panic«.

Sowohl Wranglers White Glue als auch Factory Floors 25 25 sind funky im doppelten Sinn. Rhythmisch schweißtreibend, stimmungsmäßig leicht bedrohlich. Beide sind unter Nutzung analoger Synthesizer entstanden und pumpen in einem synkopierten Vierviertelakt vor sich hin. Maschinenmusik at its best. Während bei Factory Floor aber Vocal-Samples geisterhaft, körperlos, aus dem Kontext gerissen und abgehackt durch den Raum schweben – »Work!« (oder heißt es »Twerk«?) – und damit das leise bedrohlich wirkende Gefühl erzeugen, man höre da Botschaften eines desintegrierten Bewusstseins, ist bei Wrangler ein Sänger und Erzähler tätig. Dessen Stimme ist aber dermaßen verzerrt, dass man auch bei ihm schwer verstehen kann, was er eigentlich zum Besten gibt. Eins ist sicher: Es klingt nicht nach fröhlichen Kinderliedern. Auf »Stop« allerdings wird es einmal sehr deutlich: »Stop spending money that you don’t have / Stop buying shit that you don’t need.«

Der verzerrte Mann heißt Stephen Mallinder und ist eine Legende, weil er schon bei den Industrial-Pionieren Cabaret Voltaire sang. Ihm zur Seite stehen bei Wrangler Phil Winter (Tunng) und Benge (John Foxx & The Maths). Musikalisch erinnert White Glue, das zweite Album von Wrangler, an die frühe Phase elektronischer Popmusik Mitte der Siebziger bis Ende der Achtziger. Man kann darin die Liebe für die stoischen Beats der Krautrocker hören, aber auch die Faszination für den verstörenden elektronischen Rockabilly von Martin Rev und Alan Vega (R.I.P.), alias Suicide.

Eins ist sicher: Es klingt nicht nach fröhlichen Kinderliedern.

Demgegenüber orientieren sich Factory Floor an einem historischen Moment, in dem das elektronische Kontinuum von Kraftwerk über Synthiepop bis zu postindustriellem Funk für einen Moment zwar nicht abriss, aber eher unterirdisch weiterströmte. Als House Music nach vorn trat, sich Ende der Achtziger immer weiter minimalisierte und für ein paar Jahre in eine sehr dunkle Stimmung kippte: Rezession, De-Industrialisierung, Drogen, Aids, Panik, aber auch Ekstase und Schweiß, in der Kommune des Dancefloor vergossen. Das war der Sound von Detroit, London, Berlin im Jahr 1989 und auch noch ein paar Jahre danach. Factory Floor gibt es seit 2005, inzwischen ist das Projekt aus London zum Duo geschrumpft: Nik Void und Gabriel Gurnsey. Ihr neuer Sound verdankt sich der Tatsache, dass Void die Gitarre an den Nagel gehängt und einen modularen Synthesizer aus dem Schrank geholt hat.

Factory Floor - 25 25

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