Willis Earl Beal »Noctunes« / Review

Mit Noctunes reicht uns Beal sein persönliches Antidot gegen die zehrende Schlaflosigkeit.

Willis Earl Beal hat zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Zeilen keinen festen Wohnsitz und arbeitet als Aushilfskraft in einer Flaschenfabrik. Die Rede ist hier vom selben Mann, der vor zwei Jahren von Cat Power gefeaturet wurde und beim XL-Imprint Hot Charity mit einem Fünf-Alben-Plan unter Vertrag stand. Doch Beal fühlte sich schnell von der Musikindustrie missverstanden und hintergangen, bezog öffentlich gegen die Ausschlachtung seiner Biografie zu Marketingzwecken Stellung, trennte sich von seinem Label und versteckte sich zunehmend hinter seinem Alter Ego Nobody.

Nach einer Reihe von in Eigenregie veröffentlichten EPs und einer LP namens Experiments In Time, fand er für Noctunes bei Tender Loving Empire ein neues Zuhause. Geschrieben hat Beal die Stücke in den vielen durchwachten Nächten kurz vor der Scheidung von seiner Frau. Unter jeder gesungenen Silbe windet sich spürbar das Echo einer zum Scheitern verurteilten Beziehung, in jeder Phrase implodiert das Vakuum nächtlicher Einsamkeit. Mit Noctunes reicht uns Beal sein persönliches Antidot gegen die zehrende Schlaflosigkeit, »he had only ever wanted to make lullabies«, heißt es. Und da Schlaflieder im Normalfall keine Arrangementbomben sind, reduziert Beal das Instrumentarium der entschleunigten Stücke auf eine Decke aus in die Länge gewälzten, flackernden Synthesizer-Drones und sanft atmenden Streichern. Gelegentlich taucht hinter einer Nebelwand auch ein Drum-Loop auf oder jazziges Beckenrascheln, was den Balladen eine tranceartige Atemlosigkeit verleiht und die Platte vor dem Absturz in die Monotonie bewahrt, seltener findet sich eine gezupfte Gitarre. Es ist hauptsächlich Beals Stimme, die diesem Ambient-Soul die nötige Struktur verleiht. Und selten klang sie dabei durchdringender oder verletzlicher. Beal, das Enigma, entschleiert sich.

In den Texten setzt sich das fort. Eingeständnisse von Demütigung und Erkenntnis gehen auf Noctunes Hand in Hand. »Ever since I was a kid / I could never keep my eyes off porn«, erklärt Beal im Song »Lust«, der die eigene Fleischeslust verdammt; zwei Stücke später fleht er im herzzerberstenden »Stay« um das Bleiben seiner Frau, »forever, in eternity« – ein Höhepunkt des Albums. »Love Is All Around« hingegen klingt wie ein modernes Update von Angelo Badalamentis Twin-Peaks-Score, wobei der Geist des Lynch-Komponisten auf ganzer Länge immer wieder mal aufflackert. An anderer Stelle fühlt man sich an das Crate-Digger-Phänomen Lewis und sein in gleichen Maßen somnambule Verlorenheit ausdünstendes Album L’Amour erinnert.

Willis Earl Beals Leben verlief schon immer in Zyklen von Neuanfängen. Er weiß, dass sein Weg zur Selbsterlösung nur über die Selbstauslöschung führt, über seine eigene Negation, den Nobody. Deswegen schwelt auf Noctunes trotz der erdrückenden Verbittertheit ein ungezähmtes Stück Hoffnung. Das vorletzte Stück »Start Over« trägt diesbezüglich die denkwürdigste Note des Albums: Beal dehnt und zerrt seine Stimme mit dem Wort »anew« in die Höhen eines heulendes Falsetts. Es klingt wie ein leiser, qualvoller Triumph.

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