William Fan – „Ich finde es wichtig, dass meine Wurzeln sichtbar sind“

Foto: Ansgar Sollmann

Uniformdetails sind ein wiederkehrendes Element bei Ihnen. Woher kommt Ihre Faszination für Arbeitskleidung?
Ich finde an Uniformen schön, dass sie so zeitlos und beständig sind. Wenn man einen Arbeitskittel aus den Siebzigern anschaut, hat er sich bis heute meist nicht groß verändert. Das Konstante finde ich sehr anziehend. Eine Uniform dient einem gewissen Zweck, und man sieht immer repräsentativ darin aus, nicht zu schlicht, nicht zu exzentrisch, sondern genau richtig. Außerdem sind Uniformen meistens unisex, da wird meistens nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden. Vielleicht kommt meine Faszination auch daher, dass meine Eltern Dienstleister in der Gastronomie waren und früher immer Uniformen getragen haben, mein Vater eine Kochuniform und meine Mutter eine Kellneruniform. In meiner Jugend war ich viel in Secondhand-Läden unterwegs und habe alte Berufsuniformen gekauft, Arztkittel, Postwesten, Uniformen der Deutschen Bahn, ich fand das cool. Die Sachen sind gut geschnitten, haben eine gute Qualität, sind aber grob und derb. Genau das möchte ich mit meinen Kollektionen aufgreifen: die Schnitte, die Details, die Proportionen, die Philosophie – aber in fein.

Was denken Sie, wen spricht dieses Konzept an? Anders gefragt: Wen haben Sie im Kopf, wenn Sie Ihre Sachen entwerfen?
Ich habe dabei immer nur mich im Kopf. Ich muss mich selbst als Kunden überraschen und überzeugen können. Ich bin mein kritischster Kunde, weil ich früher viel konsumiert habe und generell sehr kritisch bin, wenn ich etwas erwerbe. Und ich glaube, dass ich damit einen Teil meiner Kunden abdecke, weil sie genauso empfinden wie ich. Seitdem meine Sachen auch im KaDeWe hängen, habe ich eine neue Zielgruppe dazugewonnen, die ich vorher nicht erreichen konnte. Das sind sehr unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Ansprüchen, in unterschiedlichem Alter, Studenten oder Ärzte. Meine Sachen sind natürlich nicht supergünstig, man muss sie sich leisten können. Aber mir ist aufgefallen, dass niemand meine Sachen einfach so kauft. Die Leute sind darauf bedacht, alles kennenzulernen, sie sind detailverliebt und sehen den feinen Unterschied. Sie beschäftigen sich viel mit dem Kleidungsstück, bevor sie es kaufen. Alle haben gemeinsam, dass sie etwas Besonderes suchen, dass sie Sammler sind.

Es braucht ja nicht immer 300 Labels. Zehn supergute reichen doch!“

Es wirkt, als sei jeder Schritt, den Sie mit Ihrem Label machen, gut abgewogen und genau geplant. Welche Rolle spielen Zufallsmomente für William Fan?
Ich habe meistens eine sehr klare Vision, wie ich etwas machen möchte. Mein Team wird aber größer, und wenn ich einmal einen Impuls mit Ideen rauslasse, bin ich sehr interessiert daran, wie das Echo aussieht. Ich bin offen dafür, dass jemand auch mal etwas ganz Absurdes sagt und daraus etwas Neues entsteht. Wenn ich Leuten eine Aufgabe gebe, lasse ich sofort los. Da bin ich dann gar kein Kontrollfreak mehr. Ich caste meine Leute sehr gut, und ich weiß, dass sie mich verstehen, deshalb will ich ihnen die Chance geben, Teil des Ganzen zu werden. Darin steckt aber natürlich ein Überraschungsmoment. Ich erzähle viele Geschichten, diese Geschichten sind aber zum Teil noch offen. Wie bei einer Buchserie gibt es noch tausend Teile, die erzählt werden können.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie ein eigenes Universum kreieren und William Fan zum Lifestyle-Label machen wollen. Kleidung, Taschen, Schuhe, Schmuck und Interieur gibt es schon, was kommt als nächstes?
Ich mag das Wort Lifestyle nicht, es klingt so altmodisch. Ich bin ein sehr kleines, junges Label, und ich glaube, im Moment ist es für mich wichtig, mich auf die Mode zu konzentrieren, um eine gute Basis zu schaffen. Ich möchte etwas Ganzheitliches schaffen und eine neue Welt kreieren.

Früher haben Sie sich öfter skeptisch über den klassischen Rhythmus aus zwei Kollektionen im Jahr geäußert. Funktioniert er heute für Sie?
Seit vier Saisons bin ich richtig mit dabei, und so langsam ist der Rhythmus in meine biologische Uhr übergegangen. Ein halbes Jahr für eine neue Kollektion ist wenig, aber man gewöhnt sich an alles. Man muss seine Systeme finden. Mein Team wächst, und ich kann mehr und mehr Aufgaben abgeben. Es macht mir superviel Spaß! Dass meine Verkäufe so gut sind, spornt mich natürlich weiter an. Ich glaube aber nicht mehr an Saisons. Der Kunde ist weltweit, man kann durch das Internet alle Ecken der Welt informieren und abdecken. Wenn bei uns Sommer ist, ist da drüben Winter. Man hält sich an die Saisons, weil die Rhythmen so gelernt sind und man gerne zweimal im Jahr ein Happening haben möchte. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ich in Zukunft kleinere Kollektionen mache, die ich viel öfter launche, zum Beispiel jeden Monat oder alle paar Wochen, und damit die Kollektionen entzerre. Das Konsumverhalten hat sich ja auch verändert: Alles ist schneller, die Konzentrationsspannen sind kleiner geworden. Durch die sozialen Medien ist man total ungeduldig geworden. Es braucht neue Strategien.

Zum Beispiel See-Now-Buy-Now?
Daran glaube ich nicht. Für die Luxusbranche wird sich das Prinzip nie durchsetzen. Ich bin nicht sicher, wie ich es in Zukunft handhaben werde. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, dass ich stark genug bin, würde ich gerne ausprobieren, mich von diesem Rhythmus unabhängig zu machen.

Für Ihre erste Kollektion auf der Fashion Week im Frühjahr 2015 wurden Sie von der Presse sehr gelobt. Was würden Sie einem Nachwuchsdesigner raten, der heute anfängt?
Ich würde ihm raten, sich seine Sachen zuerst noch einmal genau anzuschauen und sich zu fragen: „Ist das das Beste, was ich machen kann?“ Selbstkritisch zu sein ist wichtig, denn heute kann man nicht mehr mit Mittelmäßigkeit überzeugen. Man muss perfekt sein. Wenn man davon überzeugt ist, kann man sich an den Berliner Mode Salon oder den Fashion Council wenden, also Plattformen kontaktieren, die relevant sind und junge Designer unterstützen. Und die Medien anschreiben, die man selbst gut findet. Es ist wichtig, sich selbst zu kennen, mit allen Stärken und Schwächen. Man muss ehrlich und echt sein, dann hat man automatisch Erfolg, glaube ich.

Würden Sie das als Ihr Erfolgsrezept bezeichnen: aus sich selbst zu schöpfen?
Absolut. Ich bin stolz auf meine Wurzeln und glaube, dass es heute extrem wichtig ist, dass man mit sich selbst zufrieden ist und aus sich selbst schöpft, nicht nach links und rechts guckt. Sonst wird alles so einheitlich. Das hat man in der Mode zuletzt sehr viel gesehen: Man möchte sein wie jemand anderes. Leute streben den französischen Stil an, obwohl sie mit Frankreich gar nichts zu tun haben. Ich denke dann immer: Guck doch mal, wo du selbst herkommst, das hat auch seinen Charme! Zu sich selbst zu stehen ist eine riesige Stärke. Jetzt ändert sich das langsam, weil sich auch die Branche gelockert hat. Man darf heute individuell sein, und das ist eine tolle Entwicklung.

Dieser Text stammt aus SPEX No. 377. Das Heft ist weiterhin versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

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