Was erlauben Tarantino?

Die neue Spex #321 ist ab dem 19. Juni am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

Eine eigene Gesellschaft mit eigener Moral: Spex Live im Berghain

Liebe Leserinnen und Leser,

    das Berghain platzte aus allen Nähten. Das muss festgehalten werden. Neben der Arbeit an den letzten zwei Heftproduktionen nämlich hatte die Redaktion ein Großexperiment auf die Beine gestellt – das Spex-Live-Festival im Berghain am 20. Mai, der Nacht vor Christi Himmelfahrt. Es sollte die Nacht sein, in der Spex in Berlin als Veranstalter debütierte, mit einem ehrgeizigen Line-up, mit welchem wir versuchten, eine stimmige Verzahnung von Live-Konzert und anschließendem DJ-Programm zu erzielen. Die längste Nacht des Jahres bisher erlebten wir mit Erleichterung. Vor allem machte uns glücklich, dass der Versuch, ein Festival zu kuratieren, das einerseits die Besonderheiten und Leidenschaften der Redaktion abbildet und andererseits in der speziellen Musikwelt des Berghain zu bestehen vermochte, erfolgreich verlief. Das Berghain übrigens, ein ehemaliges Umspannwerk von industriekathedralenhaften Ausmaßen, war zwischenzeitlich vom SZ-Magazin und etlichen anderen zum »besten Club der Welt« gekürt worden.

Die neue Spex #321, ab 19. juni am Kiosk    Phoenix, Hell, Ricardo Villalobos, Little Boots, Phantom Ghost, Ben Klock, Lawrence, Tobias Rapp, die Pet Shop Bears, Will Bankhead und all die anderen Künstler lesen sich auf dem Papier vielleicht widersprüchlich, und tatsächlich war es wohl auch ein Risiko, mit dem Dancehall-Set von Will Bankhead, der im anderen Leben als Hausgrafiker des Londoner Labels Honest Jon’s arbeitet, die Panoramabar direkt nach dem technisch hochgeföhnten Auftritt von Phoenix zu öffnen. Doch es funktionierte perfekt, dass der gewöhnlich an diesem Ort zu hörende Minimal Techno für ein paar Nachtstunden einen anderen Sound gegenübergestellt bekam. Denn Minimal wurde dort und auf den anderen Floors des Berghain trotzdem, später in der Nacht, in diversen Spielarten dargereicht. Bemerkenswert war Hells erstes Set überhaupt an diesem Ort, genauer gesagt: im Lab.oratory im Erdgeschoss. Die von Hell gespielten Platten stellten eine einzige Hommage des Müncheners an den von Dub und Reggae beeinflussten Techno von Mark Ernestus und Moritz von Oswald dar. Hell, champagnerselig: »Das war mein Debüt im Berghain, nach all den Jahren. Was hätte ich anderes spielen sollen, als den unsterblichen Helden der Berliner elektronischen Musik die Reverenz zu erweisen?« Nicht weniger spektakulär war das Set von Lawrence zu später Stunde in der Panoramabar. Mit stoischer Gelasssenheit pflegte der Dial-DJ Track um Track in einen langen, ruhigen House-Fluss ein. Und alle reihten sich in die Gruppe der Tanzenden – Dirk von Lowtzow, Thomas Mars, Laurent Brancowitz, Rainald Goetz, Ulrich Köhler, Hellmuth Karasek (in seiner Funktion als Onkel von Thomas Mars) und last but not least die komplette Redaktion der Spex im Austausch mit einer guten Mischung aus Leserschaft und Berghain-Stammpublikum.

    Weil es ein denkwürdiger Abend war, wird es am Samstag, den 31. Oktober im Uebel & Gefährlich in Hamburg zum zweiten Mal ein Spex-Live-Festival geben. News und Informationen zu Line-up und Kartenvorverkauf wie immer auf www.spex.de.


VIDEO: Inglourious Basterds (Trailer)

    Wer feiern kann, kann auch früh aufstehen. Eine ganze Reihe von lesenswerten Texten finden sich in dieser Spex: Da wäre unsere Titelgeschichte zu erwähnen – der erste Nicht-Musik-Titel der Spex seit einem gefühlten halben Jahrzehnt. Es geht um das Zitatkino von Quentin Tarantino. Tomasso Schulze war vor Ort in Cannes und berichtet von der Weltpremiere der ersten Schnittfassung von »Inglourious Basterds«, Tarantinos Metafilm über die Befreiung Europas von den Nazis durch das Kino. In einer kritischen Werkschau befasst sich Ralf Krämer mit der Frage, inwiefern das Kino Tarantinos als Hyperkino zu betrachten ist: als Verknüpfung von Querverweisen auf das Kino und die Filmgeschichte, aber ohne autobiografische Grundierung – eigentlich das Herz eines jeden Autorenfilms. Klaus Theweleit schreibt ab Seite 118 über Claude Lanzmanns grandiosen Film »Tsahal«, den inoffiziellen zweiten Teil von »Shoah«. Es geht in dem Film um den seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zwischen Arabern und Israel – und weshalb die israelische Armee mit differenziertem Blick, gerade aus deutscher Sicht, zu betrachten ist. Es gibt eine neue Folge der ›Digitalen Evolution‹ in dieser Spex, es kommen zu Wort: Cinema Bizarre, DJ Rupture, Kode9 und Terre Thaemlitz. Peter Henning schreibt über Jörg Fausers journalistisches Werk, zum ersten Mal gibt es in Spex einen großen Artikel über Le Corbusier. Heißen Scheiß gibt’s natürlich auch: Jan Kedves sprach mit Beth Ditto in München über strategisches Strippen, und Florian Sievers traf in Oxford mit Diplo einen der Weltreisenden in Sachen Beats. Mit anderen Worten: In diesem Heft greifen wieder Geschichte und Gegenwart, Pop und Politik ineinander.

    Max Dax

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