Vorspiel für John Cale: „Nach meinen Konzerten stinken die Klamotten nicht.“

Foto: Erik Weiß

John Cale hatte zwar schon im März Geburtstag, aber heute knallen die Korken: Der legendäre britische Musiker und Produzent feiert seinen 75. im Howard Gilman Opera House in Brooklyn nach und spielt erstmals seit Jahren einige Klassiker seiner früheren Band The Velvet Underground. Wir crashen die Party – und gratulieren mit unserem exklusiven Vorspiel aus SPEX No. 340.

John Cale trägt ein gestreiftes Sakko und blättert in SPEX No. 339. „Ist der Lydon-Interviewer nett zu John?“, fragt er skeptisch. Es sei eine Schande, wie die Medien den einstigen Sex-Pistols-Sänger oft behandelt hätten, da sei er immer auf der Hut. John Lydon ist nur einer der vielen Musiker, die der eben 70 gewordene Cale in seiner langen und wechselhaften Karriere getroffen hat. Über die wichtigsten von ihnen wollen wir
mit ihm sprechen – und über sein eigenes neues Album, Shifty Adventures In Nookie Wood.

Cornelius Bardew
„Revolution Is The Main Trend In The World Today“
vom Album Four Principles On Ireland And Other Pieces  (2001)

Mh, keine Ahnung, was das ist. Jedenfalls nicht Keith Jarrett, dafür ist es nicht funky genug.

Es ist jemand, den Sie früher gut kannten und der Sie stark beeinflusst hat.
Ganz ehrlich, keine Ahnung. Sagen Sie es mir?

Cornelius Bardew.
Oh, das ist fantastisch, muss vom neuen Album sein, oder? Diese neueren Sachen von ihm kenne ich gar nicht, das hätte ich nie erkennen können. Geben Sie mir das später? Oder kann ich es bei iTunes kaufen?

Bardew und Sie trafen einanderam Goldsmith College, wo Sie Musik studierten, richtig?
So ist es. Ich versuchte damals die ganze Zeit irgendwie an La Monte (Young) ranzukommen, als ich einen ganz außergewöhnlichen Artikel über Cornelius las, der ihm die gleiche Geisteshaltung wie John Cage, Jasper Johns und La Monte bescheinigte. Cornelius wurde damit sozusagen meine Verbindung zu La Monte. Anfangs war er schwer einschätzbar; ein sehr ruhiger, schüchterner Typ, ich hatte keine Ahnung von seiner marxistischen Seite, aber das kam ja auch erst später. Und nun hab ich ihn endlich zum ersten Mal Klavier spielen gehört, sehr schön.

Die Zeit am Goldsmith und Ihre musikalischen Begegnungen dieser Zeit waren ein wichtiger Einfluss für Sie. Wurde damals die Basis für Ihre besondere Herangehensweise gelegt, die Sie im Rock-Geschäft bisweilen wie einen Exoten wirken ließ?
Cornelius hat mir geholfen, ein Festival mit Neuer Musik am Goldsmith College zusammenzustellen. Dort präsentierten wir John Cage, Ron Feldmann und einige andere Vertreter dieser neuen amerikanischen Schule und stellten Fluxus-Arbeiten aus. Und ja, das war definitiv ein wichtiger Einfluss für mich. Fluxus hat mir eine besondere Energie gegeben, dem anarchischen Moment dieser Arbeiten verdanke ich einiges. Es ging darum, das musikalische Establishment zu bekämpfen, da war meine Motivation nicht anders
als die von John Cage oder La Monte. Man kriegte damals keinen vernünftigen Gig
in irgendeiner New Yorker Bar, wenn man nicht mindestens drei Songs aus der aktuellen Hitparade spielte, worauf sich die meisten wohl oder übel einließen. Wir aber sagten: „Ihr könnt uns mal, das machen wir nicht.“

The Beach Boys
„God Only Knows“
vom Album Pet Sounds (1966)

(grinst) Sie haben vor einigen Tagen in der Hollywood Bowl gespielt.

Ich gebe zu, das war leicht. Ihre Bewunderung für die Arbeit der Beach Boys und insbesondere von Brian Wilson ist allgemein bekannt, spätestens seit Ihrer Hommage „Mr. Wilson“. Was fasziniert Sie an seiner Arbeit?
Die perfekte Verschmelzung aus walisischen Chorälen, kalifornischem Sunshine-Flair und Rock’n’Roll. Die Melodien und Harmonien, die er geschrieben hat, sind von einmaliger Schönheit. Als Kind habe ich die Radiosendung „Voice Of America“ von Willis Connover geliebt. Einmal spielte er die Four Freshmen, ein musikalischer Erweckungsmoment für mich. Sie dehnten die Noten und Satzgesänge quasi nach Belieben in jede nur vorstellbare Richtung, das hat mich fasziniert. Und die Beach Boys haben diese Tradition aufgegriffen, die Freshmen waren eine von Brians liebsten Jazz-Vokalgruppen.

Haben Sie sich das angesprochene Konzert in der Bowl angeschaut?
Nein, da war ich nicht. Ich wusste natürlich um die historische Dimension des Abends, weil es ja auch dieses neue Album gibt, aus dem ich sogar einige Songs mag. Mir war aber auch klar, dass ich vermutlich sofort anfangen würde zu heulen, wenn Brian anfängt zu singen, die Peinlichkeit wollte ich mir in der Öffentlichkeit ersparen. Zudem ist Mike Love nicht unbedingt mein Lieblings-Beach-Boy …

Eigentlich steht Love doch für das genaue Gegenteil dessen, was zumindest ich mit den Songs der Beach Boys verbinde.
Das ist absolut richtig! Die Beach Boys stehen für Generosität, Freiheit … Mike Love ist das exakte Gegenteil all dieser Dinge, er ist alles andere als generös. Trotzdem mag ich einige der neuen Songs, wenngleich mir andere wiederum zu traurig sind.

Die ganze Geschichte ist unfassbar traurig.
Allerdings. Als ich bei Warner unter Vertrag stand, bekam man das ständig mit: Brian ist schon wieder nicht aufgetaucht, Brian hier, Brian da. (schluckt) Aber ich will da jetzt nicht von anfangen, es ist einfach zu tragisch, und ich habe wahnsinnig viel Respekt vor ihm. Insofern ist es natürlich gut, dass er überhaupt arbeitet, auch wenn seine Stimme nicht mehr diese Emotionen früherer Zeiten transportiert.

The Velvet Underground
„Venus In Furs“
vom Album The Velvet Underground & Nico (1967)

Überspitzt gefragt: Waren The Velvet Underground die logische Schlussfolgerung aus Minimal, Fluxus und den Beach Boys?
In gewisser Weise kann man das so sagen.

Und wie ist das für Sie aus heutiger Sicht, einen Song wie „Venus“ zu hören?
Was mich jedes Mal wahnsinnig stört, ist die Aufnahmequalität, deshalb kann ich das kaum ungetrübt hören. Ich frage mich andauernd, ob man das nicht mal vernünftig überarbeiten könnte mit den technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit. Aber das ist alles so mühselig. Alleine schon die beteiligten Parteien an einen Tisch zu bekommen. Ich weiß, dass mein Anwalt deswegen mit Universal in Kontakt steht, aber die Räder mahlen sehr langsam. Die Songs an sich mag ich aber immer noch sehr gerne, eine interessante, außerordentlich experimentelle Phase.

„Punk war ein einziges verdammtes Chaos.“

Nico
„The Fairest Of The Seasons“
vom Album Chelsea Girl (1967)

Da spielt doch Jackson Gitarre, oder? Man erkennt sofort sein Picking.

So ist es, Jackson Browne hat den Song gemeinsam mit Gregory Copeland geschrieben. Was haben Sie als erstes gedacht, als Andy Warhol damals mit Nico ankam? Dass das eine fantastische Idee sei! Ich machte mir zwar ein bisschen Sorgen, als Lou (Reed) diese wunderbaren Songs schrieb und sie sich für fünf Minuten ineinander verliebten, aber das war die Sache wert.

Worin lag ihr Talent?
Zu dieser Zeit? Blond und unfassbar schön zu sein. Später kam noch mehr dazu.

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