Vorspiel für DAF – „Teilweise hat’s einem den Vogel rausgehauen“

Foto: DAF von Rick Burger

Ton Steine Scherben
„Jenseits von Eden“
vom Album IV (1981)

GD: Als erstes muss ich sagen: sehr schlechtes Schlagzeug.
RG: Ist ein bisschen wie Fehlfarben.

Erkennen Sie die Stimme nicht?
GD: Ist das Jürgen Engler, oder was?

Nein, Rio Reiser.
GD: Ton Steine Scherben waren weit vorne. Ich finde ein paar Sätze von ihnen super gut. Vor allem: „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Das ist genau meine Meinung: Macht kaputt, was euch kaputt macht, Kinder! Macht das aber wirklich!
RG: Und von wem kam der Spruch „Keine Macht für niemand“? Der geht fast ins Spirituelle.
GD: Auch von denen. Das ist der zweite Satz. Das war super. Das Schlechte an Ton Steine Scherben waren die deskriptiven Texte. Ich zitiere: „Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen waren da. Und Mensch Meier musste heulen, das war wohl das Tränengas.“ Das ist scheiße.

Kein gutes Gedicht, da gebe ich Ihnen recht.
GD: Ich wollte nur zeigen, dass ich die Texte alle noch auswendig kann. Ich kann mir Texte sofort merken, ob Ringelnatz oder Ton Steine Scherben. Sie waren auch völlig independent, auch das Produktdesign war gut: diese Papphülle mit drei Scheiben drin. Konnte man nur in diesen Autonomenläden kaufen. Als Kind war ich eine Zeit lang in der Antiimperialistischen Liga.

Wegen Ihrer Eltern?
GD: Nein, mein Vater war linientreuer Kommunist. Damals gab es besetzte Häuser und Häuserkampf. Es gab Läden wie vom Schwarzen Stern Bielefeld, das war eine Krawalltruppe, heute würde man sagen Schwarzer Block. In dem Laden habe ich mir Keine Macht für niemand zusammen mit dem Handbuch für Hausbesetzer gekauft, als Bundle.

Gab’s Rabatt?
GD: Das weiß ich nicht mehr. Respekt für Ton Steine Scherben. Rio Reiser hatte eine Riesenausstrahlung.
RG: Man konnte erkennen: Das war neu.

Abwärts
„Beim ersten Mal tut’s immer weh“
vom Album Der Westen ist einsam (1982)

RG: So klangen viele Bands Anfang der Achtziger.
GD: Wer ist das denn?

Abwärts.
GD: Abwärts! Die waren korrekt drauf.
RG: Musikalisch wäre uns das aber zu rockig gewesen.
GD: Wir wollten den neuen Spirit mit neuer Musik versehen. Eine neue, tolle Bewegung, und dann spielt man so alten Rock’n’Roll? Wir konnten uns das gar nicht erklären: Sie reden immer vom Scheißvater, Scheißvater, Scheißvater. Aber nehmen dann die Instrumente vom Vater. Was ist da los?
RG: Wir haben am Anfang auch mit Gitarre experimentiert. Als Gabi und ich DAF gegründet haben, hatten wir zwar schon die Idee, dass es ganz minimalistisch sein soll. Wir sind aber den Umweg über Mitmusiker gegangen.
GD: Es gab noch keine Synthesizer auf dem Markt, die wir uns leisten konnten. Wir hatten nichts. Aber überall im Ratinger Hof in Düsseldorf standen Musiker herum. Okay, machen wir eine Band? Dann nehme ich mir ein paar Musiker. So war das.
RG: Das war noch ein bisschen konventionell. Aber wir haben uns schnell wieder davon getrennt.
GD: Als die ersten Synthies kamen, die man sich leisten konnte, ging das ganz schnell.
RG: Zack, waren wir ein Duo.

Bei Ihrem ersten Album konnte man aber schon ahnen, was später daraus werden sollte.
GD: Ich höre grade nur Disco und Flamenco. Vor kurzem bin ich aber meine Singles durchgegangen und habe gemerkt: Das ist nur englisches Zeug – Buzzcocks, Wire, Siouxsie And The Banshees – und alles besser als das deutsche Zeug. Es war toll, auf Deutsch zu singen, und die Texte sind oft das Beste. Aber wenn du dir Buzzcocks anhörst, das ist ein Riesenunterschied. Das appelliert an Gefühle. Deutsche Musik zu dieser Zeit war oft sehr oberflächlich, die weckt keine Gefühle.

„Ausgehen war das social life, und es war Kunst. Alle Register sind befriedigt worden.“

Robert Görl

Wenn man Bands wie Buzzcocks heute hört, merkt man, wie nah das an den Beatles ist. Das sind die Harmonien von Popsongs.
GD: Es gibt kein künstlerisches Medium, das so wie Musik in der Lage ist, Gefühle zu wecken. Weil die Rezeptoren für das Empfinden von Musik so nah am Erinnerungskortex liegen, populärwissenschaftlich ausgedrückt. Was Musik auslöst, ist Erinnerung an Gefühle, nicht die Gefühle selbst. Worte wiederum können Ideen vermitteln. Musik verändert nicht die Welt. Worte verändern die Welt. Die Bibel, Das Kapital, die Bild-Zeitung. Wenn du ein bestimmtes Gefühl, das Robert mit seiner Musik auslöst, mit der richtigen Idee, die der Text auslöst, verbindest, dann fährt das den Leuten viel mehr ein.

Was spielen wir als nächstes? Ich muss kurz in mich gehen.
GD: In der Zwischenzeit spreche ich über ein Stück, das eines der größten überhaupt ist: „Moody“ von ESG.

Ich habe die Platte zu Hause, aber nicht dabei. Wieso fällt Ihnen das jetzt ein?
GD: Weil es das Stück ist, das den ganzen gender bender, diese New Yorker Version der neuen Musik, repräsentiert. Und es ist Disco-Punk! Es wird immer vergessen, dass es früher Disco-Punk gab. ESG sind so ein tolles Beispiel dafür. Für independent, für lesbisch, für Punk, aber auch für Disco.

Suicide
„Dance“
vom Album Suicide: Alan Vega Martin Rev (1980)

GD: Super, das gefällt mir. Das erste Stück, das mir heute noch gefällt. Dazu kann man tanzen. Das ist für mich das Wichtigste. Sind das Suicide? Suicide sind großartig. Das sind die einzigen neben DAF, die ich wirklich gut finde.

„Dance with me, baby“ könnte auch eine Gabi-Delgado-Zeile sein.
GD: Ich finde, dass Suicide und Adonis DAF am nächsten kommen. Sie hatten auch dieses Zweierkonzept: Einer macht die Musik, einer macht die Texte und ist der Frontmann. Wenn man Parallelen sucht, findet man die viel eher bei Suicide als bei Kraftwerk oder Can, was man manchmal hört. Also nee, nee! Ich habe Suicide als Vorgruppe von Elvis Costello gesehen, Ende der Siebziger. Der Unterschied zu DAF ist, dass Suicide keinen Schlagzeuger haben.

Robert Görl, Ihr Schlagzeugspiel prägt den Sound von DAF maßgeblich. Jedes Stück hat einen eigenen, sehr einfachen, aber doch außergewöhnlich synkopierten Beat.
RG: Aber straight sind sie, die Beats, es ist nicht gejammt. Es ist ein designter Beat für jedes Stück.
GD: Robert ist einer der besten Schlagzeuger überhaupt. Es ist verspielt und synkopisch. Robert geht auf ganz spezielle Punkte, nicht auf die Eins, die Zwei, die Drei, die Vier.
RG: Manche sagen mir: Das gibt’s ja nicht, der schlägt genau dazwischen rein. Ich habe das ja sogar studiert, vier Jahre lang. Ich habe Leute getroffen, die haben in mir afrikanisches Blut gespürt. Die hörten in diesen Beats afrikanische Betonungen und Rhythmen.

Haben Sie viel afrikanische und afroamerikanische Musik gehört?
RG: Wenn du so viele Jahre so intensiv spielst, dann geht es dir ins Blut über. Dann finden manche Leute das schwarz. Es fällt ihnen nichts anderes dazu ein, weil es kein „normaler“ Beat mehr ist. Da dreht sich der Körper anders.

Die afrikanische Rhythmik ist älter, aber vor dem Jazz war sie in Europa kaum bekannt.
RG: Das sind die Ursprünge. Ich habe das als große Respektsbekundung empfunden. DAF-Gütesiegel: Afrika.

Dieses Interview erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 376, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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