Schon lange in aller Munde, ab heute in den Kinos: Ein Review zu Winterschlaf

Jeder scheitert auf seine Weise: Winterschlaf, der neue Film von Nuri Bilge Ceylan, hat bereits bei den Filmfestspielen in Cannes abgeräumt. Heute startet er in den deutschen Kinos. Ein Review.

Im Herzen der Türkei, fern vom hektischen Treiben der Großstädte, liegt Kappadokien. Mit höhlenartigen Häusern, die aus wilden Gesteinsformationen herausgeschlagen wurden, wirkt die Gegend wie eine verwunschene Märchenlandschaft. Der in die Jahre gekommene Schauspieler Aydın (Haluk Bilginer) hat sich vor längerer Zeit in die Region zurückgezogen, betreibt hier ein Hotel, kümmert sich um seine Immobilien und schreibt an einem Buch über das türkische Theater. Warum es sich der aufgeschlossen und sympathisch wirkende Mann fast mit seinem gesamten Umfeld verscherzt hat, lässt der Film Winterschlaf zunächst im Verborgenen. Klar ist aber, dass es für Aydın unmöglich ist, mit anderen auszukommen; mit seiner jüngeren Frau etwa, die sich durch Wohltätigkeitsveranstaltungen vom Ehefrust ablenkt, mit seiner frisch geschiedenen und vom Leben gezeichneten Schwester oder auch mit einem impulsiven Ex-Häftling, der seiner Ehre beraubt wurde. Die Weite der Landschaft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich hier alles sehr eng anfühlt. Während draußen die ersten Schneeflocken fallen, gehen die Figuren in schummrigen Innenräumen hart miteinander ins Gericht.

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Mit Winterschlaf befindet sich der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan im Zenit seiner Karriere – und das nicht nur, weil er mit dem Film 2014 den Hauptpreis bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen hat. Über drei Stunden nimmt er sich Zeit, um sich behutsam in die seelischen Abgründe seiner Figuren vorzutasten. Die Handlung orientiert sich dabei weniger an den Regeln klassischer Drehbuchdramaturgie als an einem freien, literarischen Aufbau. Neben Klassenunterschieden und anderen Machtgefällen liegt Ceylans Hauptaugenmerk auf den Feinheiten der zwischenmenschlichen Kommunikation. Immer wieder verschiebt sich dabei der Fokus auf eine andere Figur, die versucht, ihre Vorstellung von einem erfüllten Leben mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Letztlich darf jeder auf seine Weise scheitern.

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Winterschlaf glänzt nicht nur mit altmeisterlicher Finesse, der Film markiert auch einen Kurswechsel in Ceylans Kino. In Filmen wie Jahreszeiten – İklimler und Once Upon A Time In Anatolia waren es vor allem die poetischen Bilder von Kameramann Gökhan Tiryaki, die im Zentrum standen. Und obwohl es auch in Winterschlaf immer wieder düster-romantische Landschaftsaufnahmen zu bestaunen gibt, sind es diesmal die Dialoge, die zum Motor des Films werden. Mit epischen Streitgesprächen zeigt Ceylan, wie aufregend und ausgeklügelt sich eine Geschichte mit den Mitteln der Sprache erzählen lässt. Hinter jedem Satz lauert ein neuer Vorwurf, und damit auch eine neue Möglichkeit, den Film in eine andere Richtung zu lenken. Dazwischen schweift der Blick immer wieder über die unergründlichen Berge Zentralanatoliens. Denn das Spannende an Winterschlaf ist nicht zuletzt, dass er zwar von den Worten lebt, dabei aber trotzdem vieles unausgesprochen lässt.

Winterschlaf
Türkei 2014
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Mit Haluk Bilginer, Demet Akbağ, Melisa Sözen u. a.

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