Vor Ort in Wisconsin: Justin Vernon spricht über das neue Bon-Iver-Album

Fotos: Graham Tolbert

Bei einer Pressekonferenz in seiner Heimatstadt Eau Claire hat Justin Vernon am vergangenen Freitag das neue Bon-Iver-Album vorgestellt. SPEX war vor Ort und fand heraus: Es geht um höhere Mathematik. Fünf Gleichungen zu 22, A Million.

Bon Iver = kaputt
Erster Eindruck von 22, A Million: Hätte auch in die aktuelle SPEX-Ausgabe mit dem Leitsatz »Welt kaputt?« gepasst. Es rauscht und es knackst, es übersteuert und hält sich nicht mit sauberen Übergängen auf. Justin Vernon hat seine Bon-Iver-Stimme von Anfang an gedoppelt und verfremdet, aber nie so radikal wie auf dem dritten Album des Projekts. 22, A Million (VÖ: 30.09.) beginnt mit einem schlumpfigen Vocal-Loop und enthält mit »715 CrΣΣks« (mehr zu den trotteligen Songtiteln gleich) eine Art Autotune-Gebet.

Es gibt in sich selbst verhaspelte Beats, viel präpariertes Saxofon und mit dem Messina sogar ein eigens für die Aufnahmen erfundenes Musikinstrument. Das Songwriting versteckt sich hinter einer vielschichtigen und samplelastigen Produktion, die sich unter anderem bei Paolo Nutini, lokalen Radiosendern und einem Youtube-Clip von Stevie Nicks bedient.

Griechenland = rock bottom
Das erwähnte Schlumpfstimmen-Intro von 22, A Million ist bereits vor mehreren Jahren im Griechenland-Urlaub entstanden. Vernon versuchte dort, sich von dem Rummel um das Grammy-prämierte zweite Bon-Iver-Album Bon Iver zu erholen, rutschte aber nur noch tiefer in die Sinnkrise, weil es nichts zu tun, sehen oder hören gab. Also lief er tagelang am Strand entlang und sang sich immer wieder die spätere Songzeile »It might be over soon« vor. »Niemals allein auf eine griechische Insel reisen«, lautete bei der Pressekonferenz sein Tipp an die zahlreichen Journalisten aus Eau Claire und Umgebung. »Schon gar nicht außerhalb der Hauptsaison.«

Zahlen = geil
Etwa zehn Minuten der Pressekonferenz verbrachte Vernon damit, den anwesenden Radiomoderatoren zu erklären, wie man die Songtitel auf 22, A Million ausspricht. Dazu gehören schließlich jetzt schon legendäre Schöpfungen wie » 10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄«, » ____45_____« und »666 ʇ«. Was es damit auf sich hat, wollte der Künstler erwartungsgemäß nur in Ansätzen verraten.

Deshalb in aller Kürze: 22 ist die Lieblingszahl von Vernon, wegen der Dualität von allem und so. A Million steht für den Rest der Welt, mit dem sich die Platte zu arrangieren versucht. 715 steht für die Vorwahl von Eau Claire, 45 unter anderem für die Bekräftigung eines Menschen in seinem Glauben (vgl. forty-five und to fortify – so clever!). Auch in den Texten geht es immer wieder um die Verknüpfung von Zahlenspielen mit religiöser und ketzerischer Symbolik. »Ich könnte sagen: All das hat eigentlich nicht viel zu bedeuten«, sagte Vernon bei der Pressekonferenz. »Aber Sie würden das wohl für eine Lüge halten. Und Sie hätten recht.«

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Justin Vernon = Eau Claire
Ein Großteil der etwa 30 anwesenden Journalisten setzte sich aus Vertretern lokaler Tageszeitungen, Radiostationen und Collegemagazinen zusammen. Nicht zuletzt deshalb wies die 90-minütige Pressekonferenz eine gewisse Eau-Claure-Lastigkeit auf. Immer wieder ging es um Vernons Bedeutung für die Stadt und die Bedeutung der Stadt für Vernon – seine Kindheit unter Ahornbäumen, seinen ersten schwarzen Buddy (Vernon war 16), seine Zeit an der University Of Wisconsin-Eau Claire (Vernon war gut im Labern, aber schlecht in Grammatik und Philosophie) und seine heutigen Versuche, etwas aufzubauen in der Community.

Das Studio, in dem 22, A Million aufgenommen wurde, soll bald auch anderen Musikern offen stehen. Das Hotel, in dem die Pressekonferenz stattfand, wird im Oktober mit Vernon als einem von mehreren lokalen Investoren eröffnen. Das jedes Jahr im August stattfindende, von Vernon mitkuratierte Eau Claire Music Festival hat sich inzwischen zu einer Art Haldern Pop des mittleren Westens entwickelt und zieht Besucher aus den ganzen Staaten an. »Wann immer ich in die Stadt reinfahre und an ihren Ortschildern vorbeikomme, denke ich: Die müssten größer sein! Die müssten leuchten! Es geht darum, Eau Claire zu einer Stadt zu machen, die mehr sagt als: Hey, wir sind auch noch da.«

Norwegen = not amused
Einziger touchy moment einer alles in allem friend- und bierseligen Veranstaltung: Ein norwegischer Journalist erklärte Vernon, dass seine düstere Folkmusik immer sehr gut angekommen sei bei seinen naturbetrübten Landsleuten und fragte deshalb, wann denn mit einer Rückkehr zum ursprünglichen Bon-Iver-Sound zu rechnen sei. Antwort: eher nicht so bald. »Im Moment ist mir nach Schreien zumute«, sagte Vernon. Aber vielleicht mache ich ja bald eine Black-Metal-Platte, die sollten die Norweger doch auch mögen.«

Ein ausführlicher Artikel über Bon Ivers 22, A Million wird in SPEX N° 371 enthalten sein. Das Heft erscheint am 20. Oktober.

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