Von der Realität eingeholt: Wiener Hyperreality Festival in der Rückblende

Nidia Minaj / Foto: Susanne Hofer

Das Hyperreality Festival in Wien wollte den Club als paradigmenfreien Möglichkeitsraum denken. Leider birgt die Möglichkeit auch immer die Möglichkeit des Scheiterns an den eigenen Ansprüchen.

Die Erwartungen waren groß anlässlich des ersten Hyperreality Festivals im Rahmen der Wiener Festwochen. Mit einem lauten Knall verkündeten die Organisatoren Anfang Februar das beachtliche Line-up des viertägigen Events und versprachen damit ein Wochenende, das neben avantgardistischer Experimentierfreudigkeit und genreübergreifenden Brüchen vor allem eins erwarten ließ: eine Auswahl der besten Künstlerinnen und Künstler, die die aktuelle Clubkultur-Szene zu bieten hat.

Darunter fanden sich nicht nur Holly Herndon, die mit ihrer experimentellen Clubmusik auf der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik balanciert, sondern auch der melancholische Dreampop von Tropic Of Cancer, die Techno-Göttin Paula Temple oder Toxe, deren fragil-brüchige, aber dennoch brachiale Sounds die Tanzfläche zum Experimentierfeld werden lassen. Amnesia Scanner, Forest Swords, Nidia Minaj, Yves Tumor oder Tomasa del Real sind nur einige Acts mehr, die den Festivalbesuch für clubkulturell Interessierte scheinbar unabdingbar machten. Obendrauf wurde das Ganze durch Showcases des Lissaboner Labels Príncipe, der britisch-schwedischen Kooperation Balacore, des aus Künstlerinnen und Künstlern der afrikanischen Diaspora zusammengesetzten NON-Kollektivs und der New Yorker GHE20G0TH1K-Crew ergänzt. An der Imposanz der Acts konnte nicht einmal die Absage der Rapperin Princess Nokia etwas ändern.

Foto: Susanne Hofer

Auch die Wahl der Location fiel mit dem Schloss Neubrunn im Wiener Stadtbezirk Simmering auf etwas Neuartiges und Ausgefallenes – auf einen Ort, an dem sich vier Floors auf dem weitläufigen historischen Gelände in dickem Gemäuer verteilen. Man würde hier zwar eher eine feine Hochzeitsgesellschaft als hippe Clubgänger erwarten, die sich zwischen Ballsaal und Bratwurstbuden verirren, aber der Bruch gehörte zum Konzept.

Das Zusammenspiel von experimenteller Clubmusik verschiedener Arten mit der extravaganten Location schien eine gute Umgebung für den Ansatz des Festivals zu bieten, einen „paradigmenfreien Möglichkeitsraum“ schaffen zu wollen. Die Idee war es, den Club als urteilsfreien Ort zu denken, in dem gesellschaftliche Hierarchien aufgelöst und subversive Momente abseits tradierter Normen entfaltet werden können. Die Diversität der Künstlerinnen und Künstler und ein Anteil weiblicher Acts von fast 50 Prozent (was leider nicht dem Normalfall entspricht) rahmten das Postulat, die Kategorien Gender, Hautfarbe und Sexualität für vier Tage zu dekonstruieren und neu zu denken – die Tanzfläche als Utopie gesellschaftlicher Möglichkeiten abseits herrschender Konzepte.

Doch auch wenn die Kuratorin Marlene Engel und das Team von Hyperreality viel Respekt für das Konzept, das Line-up und die widerständigen Denkansätze verdienen – letztendlich kollidierten Realität und Utopie. Denn Hyperreality, das waren weniger Experimentierfeld realer Utopien im subversiven Kontext als viel mehr vier normale Partys – mit den üblichen Problemen in schöner Location mit einem verdammt guten Line-up. Das angestrebte Außerkraftsetzen gesellschaftlicher Zwänge und Mechanismen oder das Erdenken einer neuen Gesellschaft, wie im Programmheft angekündigt, blieben vor allem eines – eine Promohülse.

Foto: Susanne Hofer

Schon grundlegende Strukturen führten dazu, dass die Festivalatmosphäre mehr reproduzierte als dekonstruierte. Das fing bereits bei der autoritär auftretenden Security an, die hauptsächlich aus breitschultrigen Männern bestand, die den Besucherinnen und Besuchern im Befehlston Anweisungen gaben und sich in ihrer Machtrolle sichtlich gefielen – von Nonbinarität war hier nichts zu sehen. Auch betrunkene Männergruppen, die sexistische Sprüche von sich gaben und in bekannter Manier ihren Raum für sich beanspruchten, ließen die schöne Idee von utopischer Gesellschaft schnell zur Idealvorstellung werden und holten eine/n zurück auf den Boden einer Realität, die ziemlich wenig mit hyper zu tun hat. Denn auch ein Awareness-Team, das für sexuelle Übergriffe oder Formen sicheren Feierns sensibilisiert ist, suchte man vergeblich. Ein zentrales Problem: Ein safe space für alle gehört zu einem utopisch-transformativen Konzept von Möglichkeitsräumen, das Machtverhältnisse angreift. Vielmehr noch: Er ist Grundvoraussetzung.

Hinzu kommt, dass die Extravaganz des Schloss Neugebäude zwar eine eindrucksvolle Kulisse bot, jedoch auch dazu führte, dass sich die Festivalbesucher weit verstreuten. Zumindest bis zum Samstag, der als einziger Abend ausverkauft war, führte das zu teils leeren Tanzflächen, die einer ausgelassenen Partystimmung nur wenig zuträglich waren. Gepaart mit der sowieso schon schwierigen Akustik im dicken Gemäuer führte das zeitweise mehr zu Befremdlichkeit auf der Tanzfläche als zu Experimentierfreudigkeit und Hedonismus – verdammt schade angesichts derart guter Acts. Dieses Manko konnten immerhin vor allem die Showcases im Westsaal des Schlosses ausgleichen.

Ein eindeutiges Fazit zu ziehen, ist schwer: Die Eindrücke bleiben ambivalent. Während die fulminante Performance von Acts wie Gnučči oder Tomasa del Real den Festivalbesuch schlussendlich lohnenswert machten, bleibt der progressive Anspruch des Konzepts hinter der Realität zurück. Klar ist: Es braucht utopische, paradigmenfreie Möglichkeitsräume im clubkulturellen Kontext. Aber Möglichkeit ist eben immer auch die Möglichkeit, an den Ansprüchen zu scheitern. Die angestrebte Utopie bleibt auch beim Hyperreality eine Imagination, mehr Idealbild als Wirklichkeit – ein utopisches Konzept und ein erstklassiges Line-up sind eben noch lange nicht alles.

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