Vier Oscars für Birdman – Keaton ist die Pointe

Vier Oscars für Birdman: bestes Drehbuch, beste Kamera, beste Regie, bester Film. Alejandro González Iñárritu hat damit aber nicht nur den Abräumer der Academy Awards 2015 gedreht, sondern auch eine vieldeutige und herrlich komische Reflektion auf das eigene Tun.

Birdman wirkt auf den ersten Blick unglaublich dynamisch und vielschichtig. Die Kamera in Alejandro González Iñárritus Film bewegt sich rastlos durch das St. James Theatre am New Yorker Broadway, alles wirkt wie ein einziger, vorwärtstreibender, von Antonio Sanchez‘ rhythmischen Percussions untermalter Flow durch Korridore, Garderoben, Schnürboden, Hinter- und Vorderbühne. Die nicht abreißende, Orte und Zeiten scheinbar nahtlos verbindende Bewegung generiert dabei einen so homogenen wie hermetischen Stressraum. Durch diesen hetzt Riggan Thomson, ein auf dem Abstellgleis gelandeter Hollywoodstar, der in den Neunzigerjahren den ikonischen Superhelden Birdman verkörperte. Nun wagt er den kulturellen Milieusprung: vom Blockbuster-Kino in die Hochkultur. Mit einer Raymond-Carver-Adaption am Theater erhofft Thomson, sich neue Anerkennung als Schauspieler und Regisseur zu verschaffen.

In Filmen wie 21 Grams und Babel bürdete Iñárritu seinen Figuren einen Schicksalsschlag nach dem anderen auf, nun stellt er Thomson Alltagswiderstände in den Weg: Profilneurotiker und Zweiflerinnen, darunter eine drogensüchtige Tochter, einen fundamentalistischen Method-Actor, doch vor allem das eigene Riesenego. Birdman wird von der Doppelexistenz von Schauspieler und Figur getragen, die durch die smarte Besetzung der Hauptrolle mit Michael Keaton zur »Dreiecksbeziehung« wird: Keaton war durch die beiden Batman-Filme von Tim Burton 1989 und 1992 selbst ein gefragter Superheldendarsteller, bevor er in einer unübersehbaren Masse an bedeutungslosen Filmen und Fernsehserien verschwand.

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Keaton ist die eigentliche Pointe von Birdman. Wenn er seinen aus der Form geratenen Körper entblößt, sich ein Toupet vom Kopf zieht oder auf den Erfolg von Ironman-Darsteller Robert Downey Jr. schielt, deutet er schließlich auch auf sich. Iñárritu lässt Thomson einen inneren Dialog mit seiner ehemaligen Filmfigur führen: Birdman hält nicht viel von den Versuchen, am Theater Fuß zu fassen. Mit herrischem, tief verzerrtem Superheldentimbre macht er die künstlerischen Ambitionen nieder und fordert sich quasi selbst auf, sich endlich einem weiteren Sequel, Birdman IV, zur Verfügung zu stellen. Unter seinem Einfluss vermag Thomson sogar mit purer Willenskraft Objekte zu bewegen und an der Wand zu zerschmettern, einmal bekämpft er zwischen den Hochhäusern New Yorks mit Bravour einige Monstervögel – das Blockbuster-Kino scheint das intime Ensemblestück kapern zu wollen.

Eitelkeiten, Selbstzweifel und die Unsicherheit der Figuren äußern sich in Birdman immer wieder an den Schnittstellen zwischen Hoch- und Populärkultur, analogem und digitalem Zeitalter. Dabei ist Birdman/Thomson weniger ein ambivalenter Charakter als eine Schizofigur, Unschärfebereiche kann sie ebenso schlecht aushalten wie Regisseur Iñárritu. Das zeigt auch das übrige – freilich comedyhaft überzeichnete – Personal: die übermächtige Theaterkritikerin beziehungsweise -vernichterin mit Stock im Arsch, der asiatische Nerd, der bei der Aussicht auf Birdman IV Schnappatmung bekommt, der Diskursschwaller und die tumbe Boulevardjournalistin, die Roland Barthes zunächst für eine Figur aus The Avengers hält. Einmal fällt auch das Adjektiv »hollywoodmiserabel«, um ein gefaktes Gefühl zu bezeichnen, dabei ist natürlich auch die atemberaubend virtuose Kamera von Emmanuel Lubezki (Gravity, The Tree Of Life) nichts anderes als ein Special Effect inmitten eines sich vitalistisch und lebensnah gebenden Theatersettings.

Mit Unterstützung seiner Tochter, die ihm zuvor seine Ignoranz gegenüber sozialen Netzwerken vorgeworfen hat (»Du hast nicht mal ein Facebook-Profil!«), wird Thomson schließlich in die heutige Mediengesellschaft überführt. Thomson, der gelegentlich von betagten Menschen höflich zum Gruppenbild gebeten wird, gewinnt neue Publikumsschichten hinzu, als er sich versehentlich aus dem Theater aussperrt und nur in Socken und Unterhose bekleidet über den Times Square laufen muss. Die von Spott begleitete Szene wird zum YouTube-Hit …

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Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
USA 2014
Regie: Alejandro González Iñárritu
Mit Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone u. a.

1 KOMMENTAR

  1. Sorry ich fand den Film äußerst schwach. Verhaftet in visuellen Effekten, die teilweise so wirkten als wären sie nun schon mal gedreht und ganz lustig, also kopieren wir die Szene irgendwo rein. Das ganze als ein Epos über Theater- und Schauspielkunst zu bezeichnen geht allenfalls aus amerikanischer Sicht. Da ist ja vieles sehr schnell „European“ und „intellectual“. Für mich hat der Film überhaupt keine Message außer vielleicht die „Leiden“ eines ehemaligen Batman-Darstellers — und das interessiert mich nicht die Bohne. Da lobe ich mir die echten Leiden der vielen, vielen tollen Schauspielern in vielen, vielen deutschen Off-Theatern, die für unglaublich wenig Geld Großes, Kreatives jede Saison leisten.

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