Various Calypso – Musical Poetry In The Caribbean 1955-69

Es sind gute Zeiten für Calypso-Freunde. Das Label Honest Jon’s präsentiert in seiner Reihe London Is The Place For Me immer wieder neue Fundstücke aus den Fünfzigern und Sechzigern, jetzt kommen sogar Calypsokünstler aus Costa Rica und Kolumbien nach Europa auf Tournee. Selbst Berlin verfügt mit Lord Mouse And The Kalypso Katz mittlerweile über ein vorzeigbares Ensemble. Soul Jazz hatte sich letztes Jahr eingemischt und mit Mirror To The Soul – Music, Culture And Identity In The Caribbean 1920–72 ein ambitioniertes Produkt veröffentlicht, das eine DVD mit einem dokumentarischen Zusammenschnitt aus Nachrichtensendungen von British Pathé mit zwei Musik-CDs mit hohem Calypso-Anteil koppelte. Nun folgt eine reine Genre-Compilation.

Aber man sollte vielleicht nicht voraussetzen, dass jeder weiß, was Calypso ist. Entstanden auf Trinidad am südlichen Ende der karibischen Inselkette zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermischten sich hier diverse Stilistiken der karibischen Inselwelt wie des süd- und zentralamerikanischen Festlands mit Liedern der europäischen Kolonisatoren. Die Texte waren größtenteils Darstellungen, Kommentare und Ironisierungen des karibischen Alltags, wobei es auch immer darum ging, den Europäern und ihren eigentümlichen Bräuchen satirische Breitseiten zu verpassen – am besten so, dass diese im Zweifel nicht merkten, dass sie gemeint waren. Dabei entwickelte sich früh eine ausgesprochen hohe musikalische wie textliche Raffinesse.

Erstaunlicherweise schaffte es Calypso, in kurzer Zeit die Welt zu erobern. Schon in den Zwanzigerjahren begann Columbia, Calypso-Aufnahmen in den USA auf Schellackplatten zu veröffentlichen, andere Labels zogen nach. Diese internationale Popularität und musikwirtschaftliche Relevanz begründete das erste Goldene Zeitalter des Calypso in den Dreißigern, vorbildlich dokumentiert auf den Rounder-Compilations Fall Of Man – Calypsos On The Human Condition 1935–41 und Roosevelt In Trinidad – Calypsos Of Events, Places, And Personalities 1933–39. Ein zweiter Boom folgte in den Fünfzigern, als Großbritannien zum Wiederaufbau Arbeitskräfte aus Commonwealth-Ländern wie Trinidad & Tobago und Jamaika ins Land holte. Die brachten nicht nur ihre musikalischen Vorlieben, auf den Auswandererschiffen reisten auch immer wieder Musiker mit, darunter Calypsonians wie Lord Kitchener und Lord Melody. Im UK fanden sie eine funktionierende musikindustrielle Infrastruktur vor, die sie nutzen konnten, während sie und ihre Kollegen maßgeblichen Einfluss auf die erblühende britische Popszene hatten (wovon London Is The Place For Me ausführlich Zeugnis ablegt).

Calypso – Musical Poetry In The Caribbean 1955–69 beleuchtet hingegen einen weiteren Teilaspekt der langen Genrehistorie: Hier wird die Internationalität thematisiert, der Austausch des Calypso mit lateinamerikanischen Stilistiken, die Verwandtschaft zum jamaikanischen Mento und zur Musik der Bahamas. Neben den handelsüblichen Trinidadians wie Kitchener und Mighty Dougla finden sich hier Jamaikaner wie der großartige Lord Flea oder der Jazzer Carlos Malcolm, aber auch Künstler aus Panama wie Lord Cobra und Lord Byron, von den Bahamas, aus Tobago und Guyana. Ein wichtiger Punkt, denn Harry Belafontes Calypso-Album, das 1956 das zweite Goldene Zeitalter einläutete, enthielt vorwiegend Mento-Songs aus seiner jamaikanischen Heimat, die aufgrund der Popularität des Genres seitens der Plattenfirma zu Calypso umfirmiert wurden. So gelingt es Soul Jazz, der Calypsogeschichte ein schlüssig erzähltes, weiteres Kapitel hinzuzufügen beziehungsweise eine neue Perspektive, die neue Begehrlichkeiten weckt: Vor allem Calypso aus Panama sollte man genauer auschecken.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here