Triplereview: Throbbing Gristle

Throbbing Gristle waren einmal das Radikalste überhaupt. Jetzt sind sie längst musealisiert: Zwei ihrer Klassiker und eine Best-Of werden (mal wieder) neu veröffentlicht.

Man kann sich heute wirklich nicht mehr vorstellen, wie radikal Throbbing Gristle damals waren, 1977, als The Second Annual Report erschien. Der Punk hatte alles umgekrempelt, aber Throbbing Gristle setzen noch eins drauf: mit Lieder wie „Zyklon B Zombie“, die Leichenberge in Gaskammern mit SM-Sex zusammenbrachten, oder einem Video wie „Cease To Exist“, in dem ein Penis abgeschnitten wurde. (Okay, sie taten nur so – aber überzeugend genug, dass gleich reihenweise Leute vor Ekel erbrachen.) Anti-Musik, die sich jeder Vermarktung komplett verweigerte.

Wie viele gute Bands waren Throbbing Gristle die musikalische Version eines Kunstprojekts, nämlich der Performancetruppe Coum Transmission. Deswegen war das Cover ihres Debütalbums auch ein halbes Kunstwerk: ganz weiß, damit man darauf projizieren konnte, was man wollte. Dann noch ein KZ-Krematorium als Logo des Labels: Industrial Records. Auch ohne Adorno und Horkheimer begriffen Throbbing Gristle die Zusammenhänge zwischen industriell organisierten Ermordungen und kulturindustriell produzierter Massenunterhaltung. „Wir interessierten uns für Tabus“, sagte Genesis P-Orridge später. „Dafür, wo die Grenze liegt, an der Klang zu Lärm und Lärm zu Musik wird, wo Unterhaltung zu Schmerz und Schmerz zu Unterhaltung wird. Eben für die Widersprüche unserer Kultur.“

So war es halt, das wilde Jahr 1977!

Dass Mute zum 40. Jahrestag des Second Annual Report eine Wiederveröffentlichung des gesamten Throbbing-Gristle-Katalogs in Angriff nimmt, ist natürlich ein Ausverkauf der radikalen Ästhetik der Gruppe. Von musikalischem Extremismus aber lässt sich im Pensionsalter schlecht leben: Nach der Reunion im Jahr 2004 kamen die Comeback-Alben, die Remix-Alben, die aufwändigen CD- und Video-Boxen, plus die Wiederveröffentlichungen von 2011, 2014 und nun 2017. Throbbing Gristle erging es nicht anders als anderen Avantgarde-Bewegungen: Sie sind längst musealisiert. Daher kann man den Second Annual Report nur noch als ein historisches Dokument hören. Auf „Slug Bait“ singt P-Orridge davon, wie er einer schwangeren Frau das Baby aus dem Bauch schneidet, es gierig ableckt und die Mutter verbluten lässt. So war es halt, das wilde Jahr 1977!

Verglichen damit ist 20 Jazz Funk Greats (1979) ein Hörgenuss. Mit dem peitschenden „Hot On The Heels Of Love“ hatten Throbbing Gristle sogar einen Hit vorzuweisen; die Folterhymne „Persuasion“ schließt eher an die Schockästhetik der Anfänge an. Da das Album erstmals komplett im Studio aufgenommen wurde, klingt es nicht so roh wie der Erstling. Vermutlich ist es das beste Album der Band. Mit The Taste Of Throbbing Gristle legt Mute außerdem einen allgemeinverträglichen Beginner’s Guide vor, denn unter den 15 Tracks ist für jeden Freak etwas dabei: Beinahe-Disco-Hits wie „United“ oder das ätherische „Walkabout“. In „Almost A Kiss“ könnte P-Orridge fast als Sinatra durchgehen. Mit diesem Platten-Trio – erweitert um die unumgänglichen Extratracks und unveröffentlichten Liveversionen – ist ein solider Einstieg möglich. Man kann es heute sogar relativ schmerzfrei hören.

Diese Review ist wie viele andere Plattenbesprechungen in der Printausgabe SPEX No. 377 zu lesen. Das Heft ist versandkostenfrei hier bestellbar.

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