The Hidden Cameras „Home On Native Land“ / Review

Es macht Spaß, diese Platte zu hören: Überall Geigen, Klaviere, Händeklatschen, Chöre und Mitsingrefrains.

Seit Jahren erzählt Joel Gibb (Leadsänger, Songwriter, Chor-Kapitän und einziges festes Mitglied der Hidden Cameras) in Interviews, dass er bald mit einem großen Country-Folk-back-to-the-roots-Album um die Ecke kommen will. Besonders gerne erzählt er das, wenn seine, sagen wir: provokante Folk-Art Band, mal wieder mit der Bezeichnung Gay-Church-Folk beschrieben wird. Weil es einmal einen Auftritt in einer Kirche gab. Joel Gibb ärgert sich über so was. Wofür hat er sich denn sechs Alben lang an unterschiedlichen Stilen abgearbeitet? Der kanadische Musiker hasst es, auf eine Kategorie festgelegt zu werden. Er hasst es sogar so sehr, dass er sich den Wahnsinn gönnt, bei jeder Show in anderer Live-Besetzung zu spielen. Streng trennt er zwischen totaler Kontrolle im Studio und der Möglichkeit von Freiheit und Spontaneität eines Livekonzerts.

das Album Bedient sich mit fünf Fingern am kanadischen Country-Songbook.

Sein siebtes Studioalbum Home On Native Land treibt aber vor allem eine andere Obsession Gibbs auf die Spitze: die zu aufwändigen Chor-Arrangements (es überrascht nicht, dass Rufus Wainwright und Feist auf diesem Album mitgewirkt haben), 60s-Pop-Melodien und seufzenden Gitarren. Der Opening Track „Day I Left Home“ beginnt mit dem Satz „I burned everything I own and left it in a pile smoldering“. Das Lied macht einen wahnsinnig, weil es von seiner Melodieführung total an „Hotel California“ erinnert. Das hier ist aber ein Hotel Canada, denn um besagte Back-To-The-Roots-Scheibe zu vollenden (die Songs entstanden im Zeitraum von zehn Jahren in verschiedenen Ländern), zog Joel Gibb von Berlin zurück nach Kanada.

Dementsprechend bedient sich das Album nun mit fünf Fingern am kanadischen Country-Songbook und glänzt mit einer vitalen Aneignung von Soul-Standards wie „Dark End Of The Street“ (im Original von Tim Hardin) oder dem berühmtesten kanadischen Country-Song überhaupt: John Weldons „Log Driver’s Waltz“. In „He’s The Boss Of Me“ covert Gibb sich gleich selbst. Dazu gibt’s neue Songs, die sich nahtlos in die Tradition der Traditionals einfügen. Es macht Spaß, diese Platte zu hören: Überall Geigen, Klaviere, Händeklatschen, Chöre und Mitsingrefrains. Selbst die minimalistisch instrumentierten Stellen sind durch und durch soundverliebt. Joel Gibb macht das alles, um zu sich selbst, seinen Motiven, Abgründen, Glücksmomenten und Statements (z.B. gegen die homophoben USA) näher zu kommen. Sehr tief- und dabei wunderbar eingängig also. Ein bisschen anachronistisch zwar auch – in seiner Wahrhaftigkeit aber sehr da und gegenwärtig. Toll!

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