Taylor Swift „Reputation“ / Review

Die alte Taylor ist tot, lang lebe die alte Taylor! Auf ihrem sechsten Album will sich Taylor Swift von einem Diskurs lösen, dem sie stattdessen den Rücken stärkt.

Das Video zu „Look What You Made Me Do“ endet mit einem inneren Konflikt: 14 Swift-Inkarnationen stehen nebeneinander und fangen sofort an zu streiten. „Stop acting like you’re all nice, you are so fake“, muss sich Country-Taylor anhören und bricht in Tränen aus. „There she goes, playing the victim again“, ätzt die Rock-Variante. „I would very much like to be excluded from this narrative“, bittet Swift am Ende, in der Hand hält sie jenen MTV-Award, für dessen Gewinn Kanye West 2009 mehr Aufmerksamkeit erhielt als sie selbst, als er ihre Danksagung crashte.

Doch wenn die Distanz von diesem Narrativ Swifts Anliegen ist, hat sie das falsche Album aufgenommen, um ihre Haltung zu untermauern. Die „alte Taylor“ liegt zwar tot im Kofferraum der neuen – gleich mit der ersten Single wurde sie medienwirksam zur Strecke gebracht. Doch was die Erfüllung des Anspruchs angeht, den sich Reputation auferlegt, ist es fraglich, ob das eine kluge Entscheidung war.

Denn eigentlich ist Swift mit der Aufregung um ihre Person künstlerisch zuletzt souverän umgegangen. Nicht zuletzt deswegen war 1989 ein hervorragendes Pop-Album: Leichtfüßig balanciert sie da auf den Klischees, die ihrem Image anhaften, eignet sich die eigene Medien-Persona an, um sie überspitzt der Lächerlichkeit preiszugeben („Blank Space“) und dann ganz über Bord zu werfen („Shake It Off“). Ob es ihre vermeintlich kalkulierte Opferrolle war oder die vielen Witze über ihre zahlreichen Ex-Lover: Die alte Taylor stand drüber.

Die alte Taylor stand drüber.

Die neue hingegen setzt zur direkten Konterattacke an und begibt sich dazu auf Augenhöhe. Zu Trap-Beats und Dubstep-Anleihen thematisiert sie ihre öffentlichen Konflikte von Kanye bis Katy Perry. Der Blick hinter den Popstar, den Reputation verspricht, beschränkt sich aber leider einzig darauf, wie sehr der Sängerin das Drama anhafte – sei es im Liebesleben oder im Rampenlicht. Mit ihrer „bad reputation“ kokettiert sie dabei auf eine Weise, die derart identitätsstiftend ist, dass es statt zur Konfrontation zur Affirmation kommt.

Reputation wird genau das zum Verhängnis, worauf die eingangs beschriebene Szene anspielt: Es verkennt die Vielschichtigkeit einer Pop-Persona – und damit das, wodurch das Konzept hätte interessant werden können. Auch die „alte Taylor“ wird auf ihr Medienbild reduziert, fällt deswegen in Ungnade. Ironischerweise wird der mediale Diskurs, der sie geschaffen hat (und dem sie als Künstlerin vormals einen Schritt voraus war), so erst künstlerisch legitimiert: Die neue Taylor ist eine angriffslustige Variante des Bildes, das die Öffentlichkeit von der alten hatte. So verkommt Reputation zum Rückschritt: Es forciert ebenjenes Narrativ, das es eigentlich durchbrechen will.

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