Spex #324

Sie denken immer nur an das Eine?

Die Psychotherapie-Serie »In Treatment«

Text: Christoph Dreher, Christine Lang

In Treatment HBO StillDie verblüffende HBO-Serie »In Treatment« spielt fast ausschließlich in der Praxis eines Psychotherapeuten und konzentriert sich dabei auf das, was gutes Fernsehen schon immer ausmachte: Sitzen und Reden. Ab dem 15. Februar läuft die erste Staffel auf 3Sat.                            

 
 

Fantas Schimun

Variationen über die Freiheit eines anderen

Text: Max Dax, Wibke Wetzker, Thomas Hübener

Fantas Schimun Variationen über die Freiheit eines anderen<br /><br />
Tonträger Pop-Briefing Spex #324    DAX: Fantas Schimun kommt aus Wien, und die erste Assoziation, die sich beim Hören ihres Debütalbums einstellt, ist eine freundliche: Sie beschreitet ebenso experimentelle wie pop-affine Wege wie die in London lebende Brasilianerin Cibelle. Sie singt auf Deutsch und auf Englisch. Ihr Minimalismus erfordert viel Aufmerksamkeit – auf »Variationen über die Freiheit eines anderen« hören wir kaum mehr als ihre Stimme, eine Akustikgitarre und gelegentliche, an Yo La Tengo erinnernde Gitarren-Feedbacks, manchmal auch den Sound einer Drum-Machine. Doch wird der Hörer belohnt: Die oft unvorhersehbaren Harmoniewechsel und Arrangements entfalten sich bei mehrmaligem Hören, sie bleiben hängen. Zerstörung und Aufbau von Schönheit stehen hier nah beieinander.                            

 
 

Scout Niblett

The Calcination of Scout Niblett

Text: Michael Lutz, Max Dax, Thomas Hübener, Ralf Krämer

Scout Niblett The Calcination of Scout Niblett Pop-Briefing Spex<br /><br />
#324    LUTZ: Die in den USA lebende Engländerin Emma Louise »Scout« Niblett bringt ihr fünftes Album »The Calcination of Scout Niblett« zur richtigen Jahreszeit, denn es handelt sich um ›Herbstmusik‹. Karg und kalt muten die elf neuen Songs an, reduziert bis aufs Mark. Man könnte die wenigen Töne dieser Platte ohne Probleme zählen wie die vereinzelten Blätter, die vor Wintereinbruch noch an den Bäumen hängen. Ihr dekonstruierter Grunge besteht aus punktuierten Saitenanschlägen und abgebremsten Mini-Feedbacks, ab und zu schmettert sie ein eruptives Rock-Riff zwischen ihre scharfkantig vorgetragenen Klagegesänge. Da das aber nun nichts Neues mehr ist, geht dem Album das Überraschungsmoment ab.                            

 
 

Zeitreise in synthetischer Klarheit

Cold Cave

Text: Ralf Krämer

Cold Cave Eva Tuerbl Spex #324 TeaserDas Schreien hat ein Ende. Als würde der historische Übergang von Punk zu Wave als Blaupause für seine persönliche Entwicklung herhalten, hat Wesley Eisold aus Philadelphia dem Hardcore seiner früheren Bands Give Up The Ghost und Some Girls laut Servus gesagt. Nun singt (!) er richtig, zum Beispiel Zeilen wie »Look outside, world is exploding / Stay inside, so never knowing« im Titeltrack des Cold-Cave-Debütalbums »Love Comes Close«. Man versteht jedes Wort. Eine Melodie ist nicht nur erkennbar, sie wird durch ihre Wiederholungen sogar manifestiert. An die Stelle des Gitarrengewitters ist synthetische Klarheit aus Yamaha- und Casio-Keyboards getreten.                            

 
 

»… anschließend haben wir das Album gelöscht.«

Spex-Gespräch: Massive Attack

Text: Max Dax, Mark Stewart

Massive Attack Interview Spex-GesprächSie liefen Gefahr, zu einer Supergroup zu werden, auf die sich alle einigen können – und daran zu ersticken. Also ließ sich Robert »3D« Del Naja, der Gründer und zuletzt alleinige Lenker der Band, acht Jahre Zeit, löschte ein bereits komplett eingespieltes Massive-Attack-Album und hieß seinen alten Mitstreiter Grantley »Daddy G« Marshall wieder in der Band willkommen. Mit »Heligoland« wärmen Massive Attack ihren auf »100th Window« auf Eiseskälte heruntergefahrenen Sound wieder spürbar auf. Warm ist auch die Umarmung, als sich Mark Stewart und Del Naja im Berliner Tempodrom wiedersehen. »How do you get the cheese from the bear in the woods?«, fragt Stewart zur Begrüssung. Und als Del Naja verdutzt guckt, feuert Stewart die Pointe ab: »C’mon, bear!«                            

 
 

Fehlfarben

Glücksmaschinen

Text: Ulrich Gutmair, Aram Lintzel, Thomas Hübener

Fehlfarben Glücksmaschinen Spex #324 Pop-Briefing   GUTMAIR: Die Fehlfarben haben eine neue Platte gemacht. Da freut sich der Fan, auch wenn er erst mal skeptisch ist. Immerhin ist Peter Hein der größte lebende deutsche Popsänger. »Monarchie und Alltag« von 1980 wird von nicht wenigen als das wichtigste deutschsprachige Pop-Album aller Zeiten bezeichnet. Wenn dann die Plattenfirma Tapete heute trompetet, das neue Album sei »vielleicht die beste Platte, die der Band je gelungen ist«, dann führt dieser Claim schlichtweg in die Irre. Sie ist es natürlich nicht.                            

 
 

Four Tet

There is Love in You

Text: Aram Lintzel, Jan Kedves, Andreas Reihse, Michael Lutz

Four Tet There is Love in You Pop-Briefing Spex #324     LINTZEL: Ein gutes Album mit einigen Überraschungsmomenten und interessanten Wechseln und Schwüngen in der Klangarchitektur. Four Tets knöcherner Avant-Funk erzeugt an manchen Stellen eine fast schon klaustrophobische Enge, die dann an entscheidenden Stellen in ein sehnsuchtsvolles Unendliche-Weite-Feeling hinübergleitet. Das kann man auch kitschig finden, vor allem wenn allzu proggig aufgefahren wird. Aber aus den Sackgassen, in die eine zu selbstgewisse Virtuosität gerät – Drum’n’Bass konnte ein Lied davon singen – hat Four Tet gelernt. Außerdem ist die Kitschproduktion längst nicht die ganze Geschichte: Cut-up-House-Momente, knackig festgezurrte Beats, Trashfilm-Sounds, gespenstische Gesangsfetzen, Alice-Coltrane-haftes und undefinierbare (Innen-)Körperklänge schaffen einen Flow der Fragmente, in den man gerne eintaucht. Fragt sich nur, welche Liebe im Albumtitel gemeint ist: die intime oder die universelle?                            

 
 

Die Unbeholfenheit ist passé

Platte der Ausgabe: Hot Chips »One Life Stand«

Text: Oskar Piegsa

Hot Chip One Life Stand CoverWenn jetzt aller Orten darüber gegrübelt wird, was uns aus dem vergangenen Jahrzehnt erhalten bleibt, dann wird die Bilanz ziemlich mies ausfallen: Terror, Klimawandel, Kriege und Krisen. Da kommt »One Life Stand« gerade recht, das vierte Album von Hot Chip, die wie keine andere Band für einen positiven Trend der Nullerjahre stehen: den Aufstieg des Nerds.                            

 
 

Get Well Soon

Vexations

Text: Jan Kedves, Wibke Wetzker, Max Dax, Ralf Krämer

Get Well Soon Vexations Tonträger Pop-Briefing Spex #324    KEDVES: Konstantin Gropper alias Get Well Soon begeht den Fehler, die Idealspiellänge von Alben zu missachten. 14 Tracks, die hier zusammen eine Spieldauer von über einer Stunde ergeben – ein nachvollziehbarer Spannungsbogen will da nicht erkennbar werden. Man muss es wohl als Hinweis darauf werten, dass der Künstler zu verliebt ist in sein eigenes Schaffen. Auch von schwächeren Songs kann er sich nicht trennen. Dabei hilft in solchen Fällen noch immer die Devise: Kill your darlings.                            

 
 

Fortsetzung der Romantik mit den Mitteln von Techno

Pantha du Prince

Text: Philipp Ekardt, Jan Kedves

Pantha Du Prince Dominic Dupont Spex #324 TeaserSein ganz eigener Sound-Entwurf zwischen Klangforschung und romantischer Motivik hat Hendrik Weber alias Pantha du Prince in der Welt der Clubs zum Star gemacht. Nun hat der Produzent sein neues Album »Black Noise« fertiggestellt. Statt auf seinem Stammlabel Dial erscheint es bei Rough Trade: Geoff Travis war ein so großer Fan des Vorgängers »This Bliss«, dass er Weber anbot, den Nachfolger zu veröffentlichen. Tatsächlich ist »Black Noise« ein großer Wurf. Auf dem Album verbinden sich hyperreale Glockensounds und das Schaben eines Schweizer Schuttbergs, der einst ein ganzes Dorf begrub, zu gespenstisch alpinem Eiskristalltechno.

    Am heutigen Freitag, den 22.01.2010., stellt Pantha du Prince »Black Noise« mit einem Live-Set im Rahmen der Party von Spex Live im Hamburger Club Uebel & Gefährlich vor, Karten sind ab Mitternacht an der Abendkasse erhältlich. In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf den auf ZEIT Online kritisierten Missstand eines inkorrekt gekennzeichneten Textes im Angebot unseres Online-Werbemittels www.live.spex.de hinweisen, eine Reaktion darauf findet sich hier.                            

 
 

Royal Bangs

Let it Beep

Text: Max Dax, Andreas Reihse, Michael Lutz

Royal Bangs Let it Beep Tonträger Pop-Briefing Spex #324    DAX: Auf-die-zwölf-Musik aus Knoxville, Tennessee. »Let It Beep« verweist im Titel auf die Rolling Stones (»Let It Bleed«) und somit auf eine Neigung zum Rock als Besorger-Geste. Noise-Poprock ist die Grundierung des Quartetts, dessen Spektrum an musikalischen Ausdrucksmitteln auch Computerbeats, Samples und Harmoniegesang umfasst. Mit dem Effekt, dass man als Hörer permanent Schlüsselreizen ausgesetzt ist. Man könnte vielleicht von einem sonischen Rock-Verständnis sprechen, das sich zwischen den Stones, dem LCD Soundsystem und den frühen Pixies verortet.                            

 
 

Der Muskel in aller Munde

Penis im Pop

Text: Jan Kedves

Jahresrückblick 2009 Penis im Pop GirlsNicht nur Rammstein, auch Bands wie The Flaming Lips oder Girls erkoren ›ihn‹ zum Hauptakteur ihrer Videos. Lady GaGa behauptete, einen zu haben, und Ja, Panik wollten ihn zerstören: 2009 war das Jahr des Penis im Pop. Während Michael Jackson sich auf der Leinwand ein letztes Mal an den Schritt fasste, probte man woanders den entspannten Umgang mit ironisierter Männlichkeit und rockistischer Schwanzmythologie.                            

 
 
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  • Die neue Spex #336

    Spex #336 Teaser

    Die neue Ausgabe Spex #336 ist ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich, u.a. mit Newcomerin Lana Del Rey, David Lynch als Musiker, Occupy Wall Street mit Mark Greif, The Black Keys und dem Jahresrückblick RE: 2011.

    Außerdem: Gordon Matta-Clark, Miguel Adrover, Frank Miller, Rodarte, Mary Bauermeister, Drive, Veronica Falls, Sepalcure, Das Racist, Winfried Menninghaus, Niobe, Let Me In u.v.m.

    Dazu: Die Spex-CD #100 mit 15 Titeln und einem tierischen Foto von Juergen Teller.
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