Spex #321

Das Büffet ist kalt und ekelerregend

Terre Thaemlitz

Text: Jan Kedves

Terre Thaemlitz Digitale EvolutionTerre Thaemlitz ist Multimedia-Produzent, DJ, Theoretiker und Transgender-Aktivist. Bekannt wurde der Amerikaner um die Jahrtausendwende mit einer Reihe hochgeistiger, durch süffisante Essays begleiteter Konzeptalben (»Die Roboter Rubato«, »Interstices«). Diese erschienen auf Mille Plateaux, dem damaligen Lieblingslabel aller poststrukturalistischen Glitch-Hedonisten. Thaemlitz lebt und arbeitet in Tokio. Dort hat er auch das Album »Midtown 120 Blues« produziert, das im Februar unter Thaemlitz’ Alias DJ Sprinkles erschien und in Spex als »erstes Diskurs-Deep-House-Album aller Zeiten« gefeiert wurde.                            

 
 

Ein digitales Kinderlied

Cinema Bizarre

Text: Jan Kedves

Strify, bürgerlicher Name unbekannt, ist Sänger der deutschen Jugendzimmerband Cinema Bizarre. Diese mischt Glamrock-Zitate und melodiösen Gesang mit japanischen Visual-Kei-Looks und wird deswegen häufig mit Tokio Hotel verwechselt. Als Vertreter einer Generation, die von Kindesbeinen an vernetzt war und ganz natürlich von sich sagt, dass sie ihr Selbstbewusstsein über Google gefunden habe, spricht Strify hier über den Auto-Tune-Effekt, Psychoterror in Online-Communities und den nicht digitalisierbaren Rest der Menschheit.                            

 
 

Werte 2.0

c/o Pop zu geistigem Eigentum und Netzkultur

Text: Michael Lutz

Unter dem Banner »Pop Culture 2.0« werden im Rahmen der diesjährigen c/o pop Convention in Köln sowohl die positiven Aspekte der digitalen Entwicklung im Musikbereich als auch ihre negativen Folgen debattiert. Es gilt, Ideen und Konzepte für die bestehenden Probleme zu finden: Internet-Piraterie, Verteilungsschlüssel, Wertverfall der Ware Pop – und das sind nur einige der Themenkomplexe, über die am 13. und 14. August debattiert wird.

    Dem grundlegenden Wandel widmet sich auch das von Spex präsentierte Panel »Werte 2.0« am Donnerstag, den 13. August im Business Forum der c/o pop. In Zusammenarbeit mit den Veranstaltern von re:publica, dem Berliner Social-Media-Kongress, wird beim Panel »Werte 2.0 – Geistiges Eigentum und Netzkultur« nachgefragt, was genau geistiges Eigentum im digitalen Zeitalter noch ist und wer vor dem Hintergrund mit welcher Motivationen mit wem diskutieren sollte. Denn (reale) Orte der Diskussion sind rar und meist branchenintern; übereinander sprechen ist nicht schwer, miteinander dagegen sehr.                            

 
 

Und einer zählt die Geldscheine

DJ Rupture

Text: Martin Hossbach, Max Dax

Sein Blog »Mudd Up!« ist eine der wichtigen Schaltstellen, über welche die Stile der sogenannten World Music mit Pop und Noise-Avantgarde zusammenfinden. Diesen globalistischen Ansatz verfolgt DJ Rupture alias Jace Clayton auch als Produzent. Mixtapes, Alben und Singles des in Brooklyn lebenden Produzenten sind auf Soul Jazz und Tigerbeat 6 erschienen.                            

 
 

Das T-Shirt sagt: »I am Burial«

Kode 9

Text: Martin Hossbach, Max Dax

Er lebt ein digitales Doppelleben: Tagsüber ist der Schotte Steve Goodman Doktor der Philosophie und unterrichtet als Dozent an der University of East London Kurse in »Sonischer Kultur«. Nachts ist er Kode 9, bekannter Dubstep-Produzent und Betreiber des Labels Hyperdub. Dort erscheinen unter anderem auch die Produktionen des geheimnisumwitterten Dubstep-Stars Burial.                            

 
 

Der Krach nach dem Kuss

Phantogram

Text: Christoph Braun

PhantogramIn Saratoga Springs, wo New York ganz und gar Bundesstaat ist und im gemächlichen Puls des Landlebens schlägt, entstehen die mit Begehren und Coolness geladenen Songs von Phantogram. Sampler, Gitarre, sphärischer Gesang: Das Duo lässt in den besten Momenten zugleich den erotomanen Chanson-Pop der Seventies, Shoegazing und Hiphop-Beats frisch und neu und klug klingen. Anfang September wird das in Eigenregie produzierte Debütalbum »Eyelid Movies« folgen, ihre von Spex präsentierte Tour beginnt Ende Oktober.                            

 
 

Diverse

Open Strings

Text: Jens Balzer

Open Strings Honest JonsAuch im alten Ägypten wurden bereits manch flotte Därme gezupft: Dies beweist die fabelhafte Compilation »Open Strings«, die Saitenvirtuosen aus dem Mittleren Osten der zwanziger Jahre mit einigen der tollsten Folk- und Improv-Gitarristen der Gegenwart kombiniert. In zwanzig drei- bis vierminütigen historischen Aufnahmen aus Persien, dem Irak, der Türkei und Ägypten hört man Virtuosen wie Moustapha Bey Rida, Abdul Hussein Khan Shahnazi und den erstaunlichen Nechat Bey; sie spielen auf der Oud, der Spieß- oder Sitzgeige und dem Santur, einem trapezförmigen Hackbrett, das mit leichten gebogenen Holzschlegeln bearbeitet wird.                            

 
 

Eels

Hombre Lobo

Text: Maurice Summen

Eels Hombre Lobo

In einer alten Geschichte fragt ein Kind seinen Vater, warum der Mensch eigentlich Angst vor dem Wolf habe, und der Vater antwortet: »Der Wolf heult nachts so grauenvoll!« Genauso jault Mark Oliver Everett – das E der Eels – wie ein Wolf ins übersteuerte Mikrofon des Album-Openers »Prizefi ghter« und lockt uns in die amerikanische Garagen-Blues-Rock-Kaputtnick-Welt, die spätestens seit dem Erfolg der White Stripes auch in der Jukebox einer Premiere-Sportsbar in Wanne-Eickel zu finden sein dürfte.                            

 
 

Das Ich mit all seinen Problemen

Jörg Fauser

Text: Peter Henning

Jörg FauserEr schrieb die vielleicht besten Reportagen der achtziger Jahre und prägte ganze Generationen deutschsprachiger Autoren: Jörg Fauser, 1987 im Heroinrausch auf der Autobahn überfahrener Schriftsteller, Poet und Journalist, übertrug den Funken der Beat-Literatur der fünfziger Jahre auf den Schreibbetrieb der BRD und grundierte die eigene Sprache mit einer politischen Aufmerksamkeit, die bis heute selten erreicht ist. Der Autor Peter Henning, Bekannter Fausers in den Achtzigern, las sich durch »Gesammelte journalistische Arbeiten«, den endlich erschienenen Abschlussband der neunbändigen Werkausgabe.                            

 
 

Martyn

Great Lenghts

Text: Stephan Szillus

Martyn Great Lenghts Dubstep war vor zwei bis drei Jahren die interessanteste elektronische Musik, weil sie keinerlei festem Schema, keiner statischen Formel folgte. Dass sich dieser Zustand völliger musikalischer Offenheit binnen kürzester Zeit in jeder Sub-Subkultur überlebt, ist ein Gemeinplatz. Und wenn sich innovative Mainstream-Ikonen wie Snoop Dogg plötzlich der Croydoner Soundästhetik bedienen, dann wittert man im Underground natürlich den Ausverkauf und übersieht in diesem Reflex, dass man sich längst schon wieder in einem inzestuösen Kreis bewegt. Kein Wunder, dass sich Martyn nicht (mehr) als Dubstep-Produzent im engeren Sinne verstanden wissen will. Die Künstlerbiografie des Niederländers ist ohnehin ein Sinnbild für die formwandlerische Evolution des Hardcore Kontinuums: Anfangs als Drum & Bass-Produzent aktiv, hatte er sich vor einigen Jahren dem Dubstep zugewandt, um sich in jüngster Zeit vor allem jenseits der Szene nach Geistesverwandten umzuschauen.                            

 
 

Alasdair Roberts

Spoils

Text: Jens Balzer

Alasdair robertsAlles wird, und alles vergeht; die Menschen, ach, sie streben doch stets vergebens. »Jericho und Babylon, sie kehren immer wieder«, singt Alasdair Roberts in »The Flyting of Grief and Joy«, dem ersten Stück auf seinem neuen Album »Spoils«. Darin befasst sich der schottische Folksänger mit der Fruchtlosigkeit menschlichen Fortschrittsbemühens und den Verheißungen, welche die ewige Wiederkehr bietet: acht herrliche, traditionsgesättigte, aber zugleich mit allen Wassern des popmusikalischen Modernismus gewaschene Songs, in denen schweres Kirchenklavier und Troubadourengitarre auf Glockenspiel, Hackbrett und Heubodenfiedel treffen und schnarrend-antikes Instrumentarium sich mit hektisch zwitschernden Free-Jazz-Percussions verbindet.                            

 
 

Prince / Bria Valente

LotusFlow3er / MPLSound / Elixer

Text: Matthias Strzoda

Prince Lotusflower

Er kommt in Frieden, seine Botschaft heißt Liebe. Körperliche Liebe, um genau zu sein. Wie immer. Der neue Song »Wall of Berlin« hat auch nichts weiter zu bedeuten als »Everything’s better when you come around / Take me down / Like the wall of Berlin«. Ist ja auch richtig, es ist Prince, und seine guten Ansichten kann man teilen. Für alle, die kraft eines Großonkels, eines Kofferradios oder einer Mittelstufenfete mit Sixties-Psychedelia, Glamrock, Punk, Disco, Powerpop und New Wave sozialisiert wurden (vereinfachte Darstellung), kann es sowieso nichts Schöneres für den Paartanz geben als seine LPs zwei bis vier, »Prince«, »Dirty Mind« und »Controversy«.                            

 
 
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