Text:
Oskar Piegsa, Michael Lutz
PIEGSA: Brian Burton, unter dem Namen Danger Mouse bekannt als Messlattenhochleger hinter Gnarls Barkley, den Gorillaz und The Good, The Bad & The Queen, arbeitet auf »Broken Bells« zur Abwechslung mal nicht mit Damon Albarn zusammen, sondern mit James Mercer von The Shins. Das passt gut zu einem Aufsatz, den der Singer/Songwriter Chris Milam kürzlich unter dem Titel »Bored New World« auf der Website popmatters.com veröffentlichte. Dort behauptet Milam, dass es mit der amerikanischen (Gitarren-) Popmusik genau seit dem Moment bergab ging, als Natalie Portman 2004 in dem Film »Garden State« Zach Braff ihre Kopfhörer überstülpte und ihm mit den Worten »Das wird dein Leben verändern« den Song »New Slang« von The Shins vorspielte. Seitdem ist bekanntlich jeder, der den Film gesehen hat, heimlich verknallt entweder in Natalie Portman und/oder Zach Braff bzw. The Shins. Und seitdem – so argumentiert Milam – könnten sich alle weißen mittelständischen Mittzwanziger damit arrangieren, weiße mittelständische Mittzwanziger zu sein und nur noch Musik zu machen, die genauso klingt: nach Langweiler-Pop ohne gewagten ästhetischen Ansatz oder auch nur den Anflug irgendeines politischen Bewusstseins.
Erschienen in SPEX #325 03-04.2010 | 02.03.2010 09:01
Text:
Thomas Hübener, Max Dax, Ralf Krämer
HÜBENER: Das Trio Festland aus Essen macht einerseits geradlinige Discorockmusik und andererseits Tanzpop auf Basis von immer wieder Ska- und Reggae-Rhythmen. Dazu singt Schlagzeuger und Sänger Thomas Geier Texte seines Malerfreundes Fabian Weinecke, die eine stete Balance zwischen Melancholie und Skurrilität wahren. Geier skandiert nicht, er singt mit sanfter Nicht-Stimme. Da der Impuls zum Weghören groß ist, wenn jemand schreit, fordert, drauflosappelliert – wie etwa bei den Blumfeld der Vor-Schlager-Phase, bei Tocotronic, bei den Fehlfarben mit Peter Hein als Sänger –, ist der eher stille Gestus von Festland so erfreulich. These: Mit sanfter Stimme gesungene Krassheiten sind wirkungsvoller als mit krasser Stimme gesungene. Wenn Festland vor vier Jahren im Stück »Wehtun« auf ihrem Debütalbum »An euren Fenstern wachsen Blumen« sangen: »Ich möchte in einer Welt leben ohne Faschisten«, dann klingt das noch heute beim Wiederhören so ungewohnt, weil hier keine Wut, sondern lediglich eine völlig private Art von Trauer, Sehnsucht und ästhetischem Widerwillen zu spüren ist. So würde auch Neil Tennant diese Texte singen.
Erschienen in SPEX #325 03-04.2010 | 01.03.2010 08:33
Text:
Max Dax, Wibke Wetzker, Thomas Hübener
DAX: Fantas Schimun kommt aus Wien, und die erste Assoziation, die sich beim Hören ihres Debütalbums einstellt, ist eine freundliche: Sie beschreitet ebenso experimentelle wie pop-affine Wege wie die in London lebende Brasilianerin Cibelle. Sie singt auf Deutsch und auf Englisch. Ihr Minimalismus erfordert viel Aufmerksamkeit – auf »Variationen über die Freiheit eines anderen« hören wir kaum mehr als ihre Stimme, eine Akustikgitarre und gelegentliche, an Yo La Tengo erinnernde Gitarren-Feedbacks, manchmal auch den Sound einer Drum-Machine. Doch wird der Hörer belohnt: Die oft unvorhersehbaren Harmoniewechsel und Arrangements entfalten sich bei mehrmaligem Hören, sie bleiben hängen. Zerstörung und Aufbau von Schönheit stehen hier nah beieinander.
Erschienen in SPEX #324 01-02.2010 | 05.02.2010 09:05
Text:
Michael Lutz, Max Dax, Thomas Hübener, Ralf Krämer
LUTZ: Die in den USA lebende Engländerin Emma Louise »Scout« Niblett bringt ihr fünftes Album »The Calcination of Scout Niblett« zur richtigen Jahreszeit, denn es handelt sich um ›Herbstmusik‹. Karg und kalt muten die elf neuen Songs an, reduziert bis aufs Mark. Man könnte die wenigen Töne dieser Platte ohne Probleme zählen wie die vereinzelten Blätter, die vor Wintereinbruch noch an den Bäumen hängen. Ihr dekonstruierter Grunge besteht aus punktuierten Saitenanschlägen und abgebremsten Mini-Feedbacks, ab und zu schmettert sie ein eruptives Rock-Riff zwischen ihre scharfkantig vorgetragenen Klagegesänge. Da das aber nun nichts Neues mehr ist, geht dem Album das Überraschungsmoment ab.
Erschienen in SPEX #324 01-02.2010 | 04.02.2010 09:22
Text:
Ulrich Gutmair, Aram Lintzel, Thomas Hübener
GUTMAIR: Die Fehlfarben haben eine neue Platte gemacht. Da freut sich der Fan, auch wenn er erst mal skeptisch ist. Immerhin ist Peter Hein der größte lebende deutsche Popsänger. »Monarchie und Alltag« von 1980 wird von nicht wenigen als das wichtigste deutschsprachige Pop-Album aller Zeiten bezeichnet. Wenn dann die Plattenfirma Tapete heute trompetet, das neue Album sei »vielleicht die beste Platte, die der Band je gelungen ist«, dann führt dieser Claim schlichtweg in die Irre. Sie ist es natürlich nicht.
Erschienen in SPEX #324 01-02.2010 | 29.01.2010 12:10
Text:
Aram Lintzel, Jan Kedves, Andreas Reihse, Michael Lutz
LINTZEL: Ein gutes Album mit einigen Überraschungsmomenten und interessanten Wechseln und Schwüngen in der Klangarchitektur. Four Tets knöcherner Avant-Funk erzeugt an manchen Stellen eine fast schon klaustrophobische Enge, die dann an entscheidenden Stellen in ein sehnsuchtsvolles Unendliche-Weite-Feeling hinübergleitet. Das kann man auch kitschig finden, vor allem wenn allzu proggig aufgefahren wird. Aber aus den Sackgassen, in die eine zu selbstgewisse Virtuosität gerät – Drum’n’Bass konnte ein Lied davon singen – hat Four Tet gelernt. Außerdem ist die Kitschproduktion längst nicht die ganze Geschichte: Cut-up-House-Momente, knackig festgezurrte Beats, Trashfilm-Sounds, gespenstische Gesangsfetzen, Alice-Coltrane-haftes und undefinierbare (Innen-)Körperklänge schaffen einen Flow der Fragmente, in den man gerne eintaucht. Fragt sich nur, welche Liebe im Albumtitel gemeint ist: die intime oder die universelle?
Erschienen in SPEX #324 01-02.2010 | 28.01.2010 14:21
Text:
Oskar Piegsa
Wenn jetzt aller Orten darüber gegrübelt wird, was uns aus dem vergangenen Jahrzehnt erhalten bleibt, dann wird die Bilanz ziemlich mies ausfallen: Terror, Klimawandel, Kriege und Krisen. Da kommt »One Life Stand« gerade recht, das vierte Album von Hot Chip, die wie keine andere Band für einen positiven Trend der Nullerjahre stehen: den Aufstieg des Nerds.
Erschienen in SPEX #324 01-02.2010 | 25.01.2010 10:00
Text:
Jan Kedves, Wibke Wetzker, Max Dax, Ralf Krämer
KEDVES: Konstantin Gropper alias Get Well Soon begeht den Fehler, die Idealspiellänge von Alben zu missachten. 14 Tracks, die hier zusammen eine Spieldauer von über einer Stunde ergeben – ein nachvollziehbarer Spannungsbogen will da nicht erkennbar werden. Man muss es wohl als Hinweis darauf werten, dass der Künstler zu verliebt ist in sein eigenes Schaffen. Auch von schwächeren Songs kann er sich nicht trennen. Dabei hilft in solchen Fällen noch immer die Devise: Kill your darlings.
Erschienen in SPEX #324 01-02.2010 | 24.01.2010 09:00
Text:
Max Dax, Andreas Reihse, Michael Lutz
DAX: Auf-die-zwölf-Musik aus Knoxville, Tennessee. »Let It Beep« verweist im Titel auf die Rolling Stones (»Let It Bleed«) und somit auf eine Neigung zum Rock als Besorger-Geste. Noise-Poprock ist die Grundierung des Quartetts, dessen Spektrum an musikalischen Ausdrucksmitteln auch Computerbeats, Samples und Harmoniegesang umfasst. Mit dem Effekt, dass man als Hörer permanent Schlüsselreizen ausgesetzt ist. Man könnte vielleicht von einem sonischen Rock-Verständnis sprechen, das sich zwischen den Stones, dem LCD Soundsystem und den frühen Pixies verortet.
Erschienen in SPEX #324 01-02.2010 | 22.01.2010 09:00