Eine Bitch namens Leben
Anna Calvi
Text: Ralf Krämer
Aufwachen nach dem »Blackout«, im »Morning Light«, eben noch »First We Kiss« geträumt haben, und nun: das Gefühl, dass gestern wesentliche Grenzen überschritten worden sind. Solcherlei Verzauberung steckt in den Songs des Debütalbums von Anna Calvi. Die 28-jährige Londonerin nimmt darauf die Perspektive einer wissenden Dame ein, die weit genug gegangen ist, um Wesentliches über sich und eine gewisse Bitch namens Leben vorzutragen. Nach einer Support-Tour für Grinderman sind ihre Konzerte im Februar restlos ausverkauft, im April kehrt sie aber bereits für weitere Shows nach Deutschland zurück.
Sorgfältig wackelnde Grooves
Tokimonsta
Text: Tim Caspar Boehme
Mit Tokio hat ihr Künstlername Tokimonsta nichts zu tun. Zwar wird Jennifer Lee oft für eine Japanerin gehalten, doch für die erste Hälfte ihres Pseudonyms wählte die im kalifornischen Torrance im Bezirk Los Angeles geborene Korea-Amerikanerin einfach das koreanische Wort für Kaninchen – ›toki‹. Man muss deshalb auf ihrem Debütalbum »Midnight Menu« aber nicht gleich mit Niedlichkeitsterror rechnen.
Und es gibt noch eine dunkle Seite
The Drums
Text: Aram Lintzel
Brian Wilson hasst den Strand, schon immer. Die vier Mitglieder der Drums inzwischen wohl auch. Seit »Let’s Go Surfing«, ihrem hymnisch-hysterischen Hit aus dem letzten Jahr, haben sie das Image der feucht-fröhlichen Beach-Popper weg. Ein Stigma, das die Brooklyner Band loswerden will.
Sex mit erhobener Faust
Men
Text: Oskar Piegsa
Das Thema Regenbogenfamilie ist im Pop angekommen: »I’m gonna fuck my friends and get a little tiny baby«, singt JD Samson im Song »Credit Card Babie$« ihrer queeren Elektropop-Band Men. »Es geht um die Hürden, die dem Kinderwunsch von Lesben und Schwulen in den Weg gelegt werden«, sagt Samson und meint damit auch finanzielle Hürden. »Why don’t you adopt / Borrow someone’s cock«, heißt es in dem Song – schließlich gibt es billigere Wege, an ein Kind zu kommen, als für den Gegenwert eines Kleinwagens in der Samenbank shoppen zu gehen. Strategischer Sex mit schwulen Freunden zum Beispiel.
Fünf, sechs Minuten ohne Kompromiss
Marcel Dettmann
Text: Tim Caspar Boehme
Eine entwaffnendere Antwort als die des DJs und Produzenten Marcel Dettmann auf die Frage nach dem Reiz namen der vergangenen Wochen ist kaum denkbar: »Hegemann? Du meinst Dimitri, den Betreiber des Tresors?« Helene, die »Kleine mit dem Buch« kennt er nur aus den Nachrichten. Die Feuilleton-Wellen um seinen Stammclub Berghain sind an ihm zwar nicht völlig vorübergegangen, aber so richtig viel Aufmerksamkeit wollte er ihnen auch nicht schenken. Ansonsten hat er wichtigere Dinge im Kopf. Musikmachen zum Beispiel. Am 12. Mai spielt Dettmann im Rahmen von Spex Live neben Robyn, High Places, Aeroplane, Trevor Jackson u.v.a. im Berghain, Karten sind bereits im Vorverkauf erhältlich.
Zart Picken und quer bürsten
Kaki King
Text: Silke Janovsky
Dreißig Sekunden. Sie sagt, man brauche nur dreißig Sekunden, um zu wissen, ob man »Junior« lieben oder hassen wird. Diese Einschätzung mag bezeichnend sein für den Wendepunkt im Leben von Kaki King. Das fünfte Album der in New York lebenden Gitarristin jedenfalls markiert die wohl deutlichste Zäsur in ihrem Schaffen an und mit ihrem Instrument. Ab dem 18. März ist sie mit »Junior« auf Deutschland-Tournee, das Album kann man derzeit in Gänze streamen.
Der Krach nach dem Kuss
Phantogram
Text: Christoph Braun
In Saratoga Springs, wo New York ganz und gar Bundesstaat ist und im gemächlichen Puls des Landlebens schlägt, entstehen die mit Begehren und Coolness geladenen Songs von Phantogram. Sampler, Gitarre, sphärischer Gesang: Das Duo lässt in den besten Momenten zugleich den erotomanen Chanson-Pop der Seventies, Shoegazing und Hiphop-Beats frisch und neu und klug klingen. Anfang September wird das in Eigenregie produzierte Debütalbum »Eyelid Movies« folgen, ihre von Spex präsentierte Tour beginnt Ende Oktober.
Das Elend der Welt immer im Blick
Asher Roth
Text: Markus Schneider
Drum herumreden nützt nichts: Asher Roths Stimme ist weiß. Der ganze Rapper ist weiß. Blond, schmächtig, mit einem leicht nasal aufsässigen Ton. »Die Eminem-Vergleiche entspringen einer Faulheit«, sagt aber Roth. »Er hat Türen geöffnet. Doch wer ein bisschen hinhört, merkt, dass wir völlig verschieden sind.«
Der kleine Schneeprinz
Jeremy Jay
Text: Wibke Wetzker
Schauen wir diesen selbstvergessenen jungen Mann an, ahnen wir sofort: Jeremy Jay lebt in einem Elfenbeinturm – und der ist übrigens eine Wohnung mitten in Paris.






