Justice
Audio, Video, Disco (Album)
Text: Robert Defcon
JUSTICE sind zurück. Audio, Video, Disco ist das Album nach dem Chartkiller. Verzerrte Härte ist passé, das Ohr wendet sich Crosby, Stills & Nash zu. Nur Michael Jackson wurde treu geblieben.

JUSTICE sind zurück. Audio, Video, Disco ist das Album nach dem Chartkiller. Verzerrte Härte ist passé, das Ohr wendet sich Crosby, Stills & Nash zu. Nur Michael Jackson wurde treu geblieben.

Erneut traurige Nachrichten: Der DJ und Produzent Mehdi Favéris-Essadi alias DJ MEHDI ist tot. Der stets freundliche Franzose gehörte zu den Geschätztesten seiner Zunft. Seit Mitte der 90er aktiv und aus dem französischen Untergrund-Hip-Hop kommend, wechselte er 2006 zu Ed Banger, wo er sich als einer der interessantesten Künstler des Labels profilieren konnte.

»Gähnende Leere« gestern wie heute: Nach dem Weltuntergangsvideo zu Civilization machen JUSTICE munter medioker weiter. Die neue Single Audio, Video, Disco ist gleich in doppelter Hinsicht ein Schritt zurück. Und für das zweite Album des Duos ist Audio, Video, Disco nicht nur namensgebend, sondern soll es auch beschließen. Mit Stream.
Ein bisschen Blut, ein wenig reingrätschen, etwas auf die Nase und die obligatorischen Schäferhunde – ansonsten bleibt in der Welt der Reklame alles beim Alten: Niederlagen, Erfolge, große Emotionen. Der französische Regisseur Romain Gavras (u.a. M.I.A.s »Born Fee«) zeichnete für die aktuellste Werbekampagne eines deutschen Sportartiklers verantwortlich, im neuen Clip laufen die bekannten Testimonials auf: die Fußball-Profis David Beckham und Lionel Messi, die Leichtathletin Blanka Vlašić sowie die Musiker B.O.B (Bobby Ray Simmons) und Katy Perry. Die wahren Stargäste dürften aber mittlerweile Justice sein, die für den Clip einen Ausschnitt ihrer neue Single »Civilization« zur Verfügung stellten.

Auto-Tune überall. Auch Uffie setzt den Effekt in ihrer aktuellen Single »A.D.D. S.U.V.« nicht gerade sparsam ein. Die Ausnahme: Mr. Pharrell Williams Feature-Spot, der dafür über »Ghetto«-dies und »Ghetto«-das referiert.
Uffie ist der Hype von vor drei Jahren, ihr Konzept ist längst von der kalifornischen Landpomeranze Ke$ha kopiert und in die Charts überführt worden. Zu spät für Uffies Debütalbum ist es aber nicht – denn auf ihm packt sie ihre Geringschätzung für amerikanische Mainstreamkultur in großartige Texte.
Nach dem enormen Erfolg, den das französische Label im letzten und vorletzten Jahr einfuhr, war es zuletzt doch wieder etwas ruhiger. Zumindest wenn man absieht von Krazy Baldheads im Mai erscheindenden Debüt »The B-Suite« und Mr. Oizos Album »Lambs Anger« – den man zwar als Labelvater im Geiste bezeichnen kann, der aber ein musikalisch deutlich anders aufgestelltes Album ablieferte und zuletzt Ed Banger auch noch mit einer defigen »Schmähkritik« überzog. Nun sind erst einmal andere dran: nach ihrer Remix-Platte »Down & Out in Paris & London« legen autoKratz im Juni nach und veröffentlichen ihr Album »Animal«.
Darf man vermutlich mittlerweile als bekannt voraussetzen: SebastiAn aus dem Pariser Ed Banger-Spektakel. Bürgerlich heißt er Sebastian Akchoté, erstmals deutlich wahrnehmen konnte man ihn vor einigen Jahren im Rahmen der Justice-»Waters Of Nazareth«-Releaseparty, der Quasi-Initialzündung von New Rave und dem Hype um Ed Banger als Label und Lebensentwurf. Seitdem veröffentlichte er einzelne Singles, Anfang dieses Jahres beispielsweise den mit verzerrten Drag-Racing-Maschinen-Samples arbeitenden Track »Motor«. Und – klar – Remixes muss man heutzutage en Gros abliefern, damit der eigene Name schnell bekannt wird. Im Falle SebastiAns zählten zur bunten Kundschaft seit 2005 unter anderen The Kills, Mylo, Daft Punk, Annie, Editors, Rage Against The Machine und allerjüngst The Who. Nun veröffentlicht er 17 Remixes auf einer breitenmarktkompatiblen CD.

Man muss empfänglich sein für diese Kunstform: so wie sich in Deutschland viele halb- bzw. untalentierte Bürger an der Stand-Up-Comedy bzw. dem Kabarett versuchen, so ist das kollektive Lachen auch in Frankreich eine recht populäre Nummer. Thomas Vandenberghe ist einer der beliebteren französischen Comedians, er tritt meist mit einem musikbezogenen bzw. Rock&Pop-histor ...
Gestern erreichte die Geschichte dann auch die deutsche Presse. Für Spiegel Online berichtete Henning Lohse »aus Paris«, also quasi von der Frontlinie zwischen brandgefährlicher Banlieu und sichergeglaubter Innenstadt, aber doch mindestens von der vor den Türen der 10 rue Ramey, wo Justice’ Label Ed Banger Records seinen Sitz hat. Justice wiederum selbst (bzw. ihr von Romain Gavras produziertes und gedrehtes Video zu »Stress«, wir berichteten) sind der Auslöser der Empörung, die in franösischen Feuilletons und in Blogs weitaus aggressiver formuliert wird, als in Deutschland. Heute sahen sich Justice schließlich dazu genötigt, auf die vielfältige harsche Kritik mit einer Pressemitteilung zu reagieren. Hier erklären uns nun Justice ›exklusiv‹, was sie dem Rest der Welt mit dem Text zu sagen gedenken:

Wohin geht die Reise, Romain? Der Regisseur der Musikvideos von u.a. Simian Mobile Disco, The Last Shadow Puppets und DJ Mehdi bewegt sich mit seinem neuen Clip zu Justice’ »Stress« auf schwierigem Terrain: weder er noch Justice wuchsen in den Pariser Banlieu auf, den Vororten der Hauptstadt, in denen die unterschiedlichsten Menschen leben, meist reduziert auf ghettoisierte Stere ...
Er ist es. SO ME ist der Typ Ende 20, der Ed Bangers Musik von Anfang an in Bilder umgesetzt hat. Bertrand de Langeron heisst er eigentlich, macht nebenbei auch Auftragsjobs für Hipster- und Lifestyle-Marken oder Videos für die Kanye Wests dieser Welt, und vor allem: SO ME zeichnet Uffie als Comic-Ikone, Sebastian als Auge-Nase-Mund-Porträt und natürlich das berühmte T/ Kreuz von Justice. Während der Bartknuffel eigener Aussage nach bisher immmer verwertbare Sachen gemacht hat, eröffnet er nun seine erste Kunst-Ausstellung.