Vier Farben Schwarz
Editorial Spex #328
Text: Max Dax
Die neue Spex #328 ist ab dem 20. August am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.
Die neue Spex #328 ist ab dem 20. August am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

Resterampe einmal anders: Der Kalifornier Ariel Pink lässt die Low-Fidelity hinter sich und bedient sich stattdessen aus dem Zeichen- und Soundreservoir fetter Achtziger-Gassenhauer. Zu seinem neuen Song »Mistaken Wedding« gibt es nun ein neues Musikvideo.
Das Thema Regenbogenfamilie ist im Pop angekommen: »I’m gonna fuck my friends and get a little tiny baby«, singt JD Samson im Song »Credit Card Babie$« ihrer queeren Elektropop-Band Men. »Es geht um die Hürden, die dem Kinderwunsch von Lesben und Schwulen in den Weg gelegt werden«, sagt Samson und meint damit auch finanzielle Hürden. »Why don’t you adopt / Borrow someone’s cock«, heißt es in dem Song – schließlich gibt es billigere Wege, an ein Kind zu kommen, als für den Gegenwert eines Kleinwagens in der Samenbank shoppen zu gehen. Strategischer Sex mit schwulen Freunden zum Beispiel.
Liebe Leserinnen und Leser,
1. SEX Herr Bonaparte: »Eigentlich geht es um Sex. Ganz wilden, animalischen Sex.« Jens Balzer: »Ich hatte es für eine Parabel auf die moderne Industriegesellschaft gehalten.« Herr Bonaparte: »So kann man es auch sehen.« Oder, acht Seiten zuvor, Jake Shears von den Scissor Sisters im Spex-Gespräch mit Sebastian Hammelehle: »Ich habe früher viele Wohnungen mit sehr vielen Strichern geteilt. Ich habe kein Problem mit Prostitution. Ich respektiere diesen Job. Als Popstar verkauft man sich ja auch, das meine ich gar nicht negativ – es ist vielleicht eher eine mentale Prostitution auf der Bühne, aber die Leute kommen ja doch auch, um meinen Körper zu sehen. In den besten Momenten unserer Konzerte habe ich mich immer als Prostituierter gefühlt.« (Vgl. auch: 4. Vampire.)
Liebe Leserinnern und Leser,
sie zu finden ist gar nicht schwer. Einfach ins Internet gehen, ›Facebook‹ in die Tasten hacken, nach ›Spex Magazin‹ suchen, ›Fan werden‹ anklicken, ›Likes this‹ gleich hinterher, und schon steht man in der virtuellen Spex-Kantine, in der jeden Tag etwas anderes auf den Tisch kommt. Neulich zum Beispiel kochten wir das »Collected«-Schallplattencover von Massive Attack nach: französische Artischocken. (Rezept: Salzwasser zum Kochen bringen, Artischocken rein, nach zwanzig Minuten Artischocken wieder raus.) Das ist der Rede wert, weil wir seit der Punktlandung der Journalismusstudentin und neuen Autorin Anne Waak in der Spex-Redaktion (vgl. MitarbeiterInnen der Ausgabe) jedes Mittagsmahl, das die Küche verlässt, fotografieren und kommentiert von Walter W. Wacht durch Facebook und Twitter blasen – eine spätere Buchveröffentlichung nicht ausgeschlossen. Und das ist auch der Rede wert, weil beim gemeinsamen Essen das Gespräch nicht selten auf die Regelmäßigkeit zufälliger Querverweise kommt, die verlässlich die Spex-Heftinhalte miteinander verlinken.
Seine Weltverbesserungstheorien kommen ohne Bono-Beigeschmack aus, und sein lobenswert vielfältiger Klangirrsinn entsteht bei fünfzig Grad in der Wüste: Gonjasufi alias Sumach Valentine ist über Drogen, Las Vegas, Yoga und die Mystik des Islam einen langen Weg gekommen, um uns daran zu erinnern, dass Extrembedingungen im Pop noch nie geschadet haben.
Sein ganz eigener Sound-Entwurf zwischen Klangforschung und romantischer Motivik hat Hendrik Weber alias Pantha du Prince in der Welt der Clubs zum Star gemacht. Nun hat der Produzent sein neues Album »Black Noise« fertiggestellt. Statt auf seinem Stammlabel Dial erscheint es bei Rough Trade: Geoff Travis war ein so großer Fan des Vorgängers »This Bliss«, dass er Weber anbot, den Nachfolger zu veröffentlichen. Tatsächlich ist »Black Noise« ein großer Wurf. Auf dem Album verbinden sich hyperreale Glockensounds und das Schaben eines Schweizer Schuttbergs, der einst ein ganzes Dorf begrub, zu gespenstisch alpinem Eiskristalltechno.
Am heutigen Freitag, den 22.01.2010., stellt Pantha du Prince »Black Noise« mit einem Live-Set im Rahmen der Party von Spex Live im Hamburger Club Uebel & Gefährlich vor, Karten sind ab Mitternacht an der Abendkasse erhältlich. In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf den auf ZEIT Online kritisierten Missstand eines inkorrekt gekennzeichneten Textes im Angebot unseres Online-Werbemittels www.live.spex.de hinweisen, eine Reaktion darauf findet sich hier.
Wie ging eigentlich Pop noch mal? Die Schwedin Sally Shapiro erinnert uns: eine Melodie, ein Sound, ein Gitarrenriff, dazu eine Zeile, die dich trifft »wie ein Blitz« – wie es in ungezählten Lovesongs heißt. Schon sprechen die Botschaften aus dem Radio oder vom Plattenteller zu dir allein. Der Star und seine Drei-Minuten-Erzählung als Projektionsfläche: Das könnte ich sein. So zeigt es auch das Video zu Sally Shapiros Song »Jackie Jackie«: Ein Junge (oder ist es ein Mädchen?) im Kinderzimmer. An den Wänden hängen Poster, darunter ein Bild von Sally. Das Kind zieht eine Sally-Shapiro-LP aus dem Regal und singt und tanzt zu dem Song, schließlich auch gemeinsam mit Sally, die im TV-Bild erscheint: »Oh, Jackie Jackie / I still wait by the phone / Oh, Jackie Jackie / I don’t wanna be alone / So come along with me tonight«.
Dieses Musikmagazin tauscht sein Allerheiligstes gegen Pasta, andere sollten sich ob dreier starker Thesen warm anziehen, Yo La Tengo veröffentlichen MP3 und Video und die Coen-Brüder einen neuen Trailer zu ihrem neuen Film.
In Saratoga Springs, wo New York ganz und gar Bundesstaat ist und im gemächlichen Puls des Landlebens schlägt, entstehen die mit Begehren und Coolness geladenen Songs von Phantogram. Sampler, Gitarre, sphärischer Gesang: Das Duo lässt in den besten Momenten zugleich den erotomanen Chanson-Pop der Seventies, Shoegazing und Hiphop-Beats frisch und neu und klug klingen. Anfang September wird das in Eigenregie produzierte Debütalbum »Eyelid Movies« folgen, ihre von Spex präsentierte Tour beginnt Ende Oktober.