Spex #321

Konglomerate der Unstetigkeit

Dirty Projectors

Text: Dominikus Müller

Dirty Projectors Spex #321 Elke MeitzelAlles bleibt Zitat: Auf ihrem dritten Album »Bitte Orca« befreien Dirty Projectors aus Brooklyn ihren typischen, virtuos wie radikal ausformulierten Eklektizismus vom Korsett der Konzeptualität – und landen damit fast beim Liebeslied, wie wir es von Maria Carey kennen.                            

 
 

A-Trak

Fabriclive 45

Text: Alexander Müller

Wenn das mal keine Ansage ist: »I hear the bass and I say whoa!«, heißt es im Opener zu A-Traks Mix-CD – und danach lässt dieser Bass tatsächlich nicht mehr von einem ab. Es ist natürlich kein Geheimnis mehr, dass Alain Macklovitch alias A-Trak – Tour-DJ von Kanye West und ehemaliges Mitglied der Invisibl Skratch Piklz – über eine gewisse Fingerfertigkeit an den Turntables verfügt.                            

 
 

Musik zur Zeit

Max Dax

Text: Max Dax

musikzurzeit_maxdax2In unserer Rubrik »Musik zur Zeit« schreiben Musiker, Schriftsteller, bildende Künstler, Spex-Redakteure und -Autoren über ihre derzeit liebsten Musiken. Spex-Chefredakteur Max Dax braut tagtäglich den Arabica auf der Faema E-61.

 

Primal Scream: »Shoot Speed / Kill Light«
von der Neu!-Compilation »Brand Neu!« (2009)

Wer sich jemals fragte, weshalb »Shoot Speed / Kill Light« von ihrem 2000er Album »XTRMNTR« so genial hypnotisch klang, dem fällt es spätestens jetzt wie Schuppen von den Augen: Primal Scream stehen nun mal auf Krautrock, nicht nur auf Can (siehe »Kowalski« von 1997), sondern auch auf Neu!. Auf der Compilation »Brand Neu!« sind Tracks von LCD Soundsystem, Oasis, Ciccone Youth, Kasabian, aber auch von LA Düsseldorf und Michael Rother versammelt. Sie alle eint, dass sie im Takt der Repetition pulsieren.

Moritz von Oswald Trio: »Pattern 2«
von dem Album »Vertical Ascent« (2009)

Da dubstept der Bär: Wenn Neu! in den Siebzigern ganz weit vorne waren, so ist es dieser Tage Moritz von Oswald. »Pattern 2« ist eine ebenso von Einstürzende Neubauten (siehe »Armenia«, 1981) wie von der Soundästhetik moderner Bass-Architekturen informierte 13-Minuten-Super-Slow-Motion-Instrumentalnummer von irritierender struktureller Strenge. Reduktion, die zu keinem Moment unvollständig wirkt. Marc Brandenburg gestaltete die Labels von CD und Vinyl.

                             

 
 

Savath & Savalas / Diamond Watch Wrists / Prefuse 73

La Llama / Ice Capped At Both Ends / Everything She Touched Turned Ampexian

Text: Sven Beckstette

Nur wer reichlich sät, kann auch reichlich ernten, scheint der Wahlspruch von Guillermo Scott Herren zu sein. In diesem Frühjahr erweitert der Produzent und Multiinstrumentalist mit den unzähligen Decknamen seinen alles andere als übersichtlichen Katalog um gleich drei weitere Tonträger. Herren hat zum einen an seinem Soloprojekt Prefuse 73 weiter gearbeitet, zum anderen legt er die vierte Platte von Savath & Savalas vor. Mit Diamond Watch Wrists hat er außerdem ein komplett neues Bandprojekt initiiert.                            

 
 

Nie war Memphis schöner

Hoppla! Zwei Platten der Ausgabe: La Roux mit »La Roux« und Little Boots mit »Hands«

Text: Carmen Böker

Wenn du dich noch an das erste Mal erinnern kannst, solltest du dich bei der Renaissance eines Trends lieber raushalten. So lautet eine Stildoktrin, die einen vor der schlimmsten Peinlichkeit von allen bewahrt – jener nämlich, in den Kleidern seiner Jugend so richtig von gestern auszusehen. Leggins, übergrosse Sakkos mit Schulterpolstern und Stoffe mit sonderbaren Kritzelmustern zu vermeiden, stellt trotz emsiger Bemühungen vieler Designer (»It’s so eighties, dear!«) immer noch keine allzu schwierige Übung dar. In der Neuauflage wirken derartige Kleidungsstücke zumeist genauso peinlich wie Bands der achtziger Jahre, die aus pekuniären Gründen wieder einmal mit der alten Masche auf die Bühne gehen. Wer diese große Zeit der pathetischen Tanzbewegungen verpasst hat, darf heute allerdings ganz unbelastet seiner Bewunderung für albatrosschwer segelnde Synthesizer-Sequenzen und beredt kühl gehaltene Gefühlsäußerungen frönen.

    Unseren Segen in dieser Hinsicht haben vor allem die britischen Unternehmungen La Roux und Little Boots, von denen jetzt die jeweiligen Debütalben erscheinen.                            

 
 

Masha Qrella

Speak Low

Text: Maurice Summen

Die Berliner Musikerin Masha Qrella wurde im Oktober 2007 von Detlef Diedrichsen in seiner Funktion als Kurator des Hauses der Kulturen der Welt gebeten, Lieder des in Dessau geborenen, jüdisch-stämmigen Komponisten Kurt Weill (»Die Dreigroschenoper«) und des in Berlin geborenen Komponisten Frederick Loewe (»My Fair Lady«) anlässlich der »New York – Berlin«-Festwochen im Rahmen eines Konzertes neu zu interpretieren. Beide Komponisten mussten Deutschland verlassen, um den Pogromen der Nationalsozialisten zu entgehen. Loewe folgte 1924 seinem früh emigrierten Vater nach Amerika, Kurt Weill floh neun Jahre später vor den Nazis über Paris nach New York. Ihr dortiger Erfolg lässt erahnen, wie anders sich Popmusik in Deutschland hätte entwickeln können, wenn es statt Judenverfolgung und Bücherverbrennungen eine Kontinuität künstlerischer Avantgarde gegeben hätte, wie sie in der Weimarer Republik bekanntlich noch möglich war.                            

 
 

Simone White

Yakiimo

Text: Ralf Krämer

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Wenn die Sommersonne sich in der großen Stadt Richtung Horizont neigt und die Menschen am vegetarischen Fastfoodstand, die Mädchen auf den Fahrrädern und ungelenke Ex-Paare lange Schatten auf die Wege werfen, ist es Zeit für diese Platte. Alles sehr warm und absolut antihysterisch, countryesk durchpflügter Inner-City-Folk, den Simone White zwei Jahre nach ihrem zweiten Album »I Am the Man« (das erst vor einem Jahr bei uns erschien) hier in 13 Songs aufgehen lässt.                            

 
 

Sonic Youth

The Eternal

Text: Jens Balzer

Sonic Youth The Eternal TeaserOrgasmus ja oder nein? Im Verlauf ihrer bald 30-jährigen Karriere haben Sonic Youth auf diese Frage verschiedene Antworten gegeben. Im düster brummenden Feedback-Noise ihrer Frühjahre pegelten sie sich ja systematisch auf gleichmäßige Erregungszustände ohne Aussicht auf Höhepunkte oder Erlösung ein, aber auch ohne die Gefahr melancholisch stimmenden Abflauens. Im lärmenden Indie-Stadionrock der Neunziger-Jahre-Alben nach »Dirty« gab es plötzlich nichts anderes als Höhepunkte mehr, was der Band einen deutlichen Niedergang, eine lange Zeit der Erschlaffung einbrachte.

    Und heute?                            

 
 

Das Elend der Welt immer im Blick

Asher Roth

Text: Markus Schneider

Drum herumreden nützt nichts: Asher Roths Stimme ist weiß. Der ganze Rapper ist weiß. Blond, schmächtig, mit einem leicht nasal aufsässigen Ton. »Die Eminem-Vergleiche entspringen einer Faulheit«, sagt aber Roth. »Er hat Türen geöffnet. Doch wer ein bisschen hinhört, merkt, dass wir völlig verschieden sind.«                            

 
 

Eminem

Relapse

Text: Sebastian Hammelehle

Zwar ist derzeit kein neuer »Herr der Ringe«-Film oder Ähnliches zu erwarten. Freunde der ganz großen Blockbuster-Produktion können trotzdem beruhigt den Nachos-Eimer bereitstellen – es gibt ja noch Eminem! »Relapse« ist so etwas wie »Marshall Mathers: Episode V«, die multiplextaugliche Breitwand-Hiphop-Platte des Jahres. Die deutsche Presse erwies sich wieder als die höflichste der Welt und lobte das Album. Schließlich stehen auch in den letzten Bedenkenträger-Wärmestuben des Feuilletons heutzutage Computer, auf denen unablässig die alte Achtziger-Jahre-Weisheit blinkt: Mainstream ist das neue Indie.                            

 
 

autoKratz

Animal

Text: Ralf Krämer

Dass man sich von ihnen ein richtiges Album gut vorstellen könnte, und nicht nur Singles – das war die einhellige Meinung all derer, die »Down & Out in Paris & London«, einer Sammlung aller bis dato erschienenen Autokratz-Singles, im letzten September ein Ohr geliehen hatten. Neun Monate später ist es so weit, und das erste Album des in London residierenden Duos aus Manchester setzt bei »Down & Out …« an, indem es den veritablen Hit »Stay the Same« wiederholend aufgreift, abgewandelt durch einen Break, in dem man einen rotierenden Euro zu Boden trudeln hört, und konsequent fortführt. Beginnen wir aber mit dem ersten Track:                            

 
 

Richard Swift

The Atlantic Ocean

Text: Alexander Müller

Indie-Darling Swift tourte mit Cold War Kids, Wilco und Stereolab durch die USA. Bei den lieben Kollegen hat er sich einiges abgeschaut, vor allem, was den Pop-Appeal seines Albums betrifft. »The Atlantic Ocean« kommt so melodietrunken und leichtfüssig daher, dass seine früheren Folk- oder Garagenrock-Ausflüge komplett vergessen scheinen. Der Sänger, Multiinstrumentalist und Fusselbartträger bastelt nun lieber am graziösen Ohrwurm in Beatles-Tradition, mit seufzenden Streichern, himmlischen Harmoniegesängen, cleveren Texten und allem Drum und Dran.                            

 
 
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