Tag der Teenies, Tag der Tollkirsche

La Route Du RockGestern war der Tag, an dem Alternative ausbrach: Teenie-Alarm, die Smashing Pumpkins kommen! Und wieder einmal fällt auf, dass in Frankreich die jugendlichen Bekundungen, anders sein zu wollen, stärker hippie-als punkmäßig ausfallen. Es wird noch mehr gekifft als auf Festivals in Deutschland, lange Haare und peruanische Kapuzenjacken, Sandalen à la Marokko bilden Basics der U22. Dass die Smashing Pumpkins wirklich aus dem Rahmen fallen, zeigt eine Gruppe junger Leute, die sich Mülltüten anziehen, sie beschriften und sich nebeneinander aufstellen: SM-AS-HI-NG und so weiter. Im Gegensatz zum ersten Tag ist das Konzert am Abend ausverkauft, und das eigentlich so funktionierende Bus-Shuttle-System bricht auch zusammen. Irgendwie wird man die 15 km vom Stadtzentrum St Malos aus zum Fort schon zurück legen können.

Drei erwähnenswerte Bands haben schließlich gespielt:  Wie sehr sich Fujiya & Miyagi selbst reflektieren, wenn sie als eigene Losung »We’re just pretending to be japanese« ausgeben, zeigt sich auf der Bühne. Das Trio aus Brighton erspielte sich eine saubere Trance: das Grundgefühl ist strategisches Engineering mit Zen-Obertönen, der Effekt ist eine wohl temperierte Hypnose. Dafür müssen sie ständig die Kontrolle behalten, und das gelingt Fujiya & Miyagi auch. Paradoxerweise aber ist der Zustand, den ihr Sound herbeiführt, einer des Alleineseinwollens. Doch es zeigte sich noch, dass sie als bloß ein Teil des Regenbogenspektrums moderner Psychedelie auftraten. Denn die 120 Days kamen danach, und sie schlugen einen Drogenrock vor, mit dem sie die Atmosphäre der Innerlichkeit umstülpten. Das Bandmodell ist soweit bekannt: ein Sänger mit nicht schlechtem Selbstbewusstsein, noch größerem Drogenhunger und maximaler Schamanenorientierung (siehe auch: Augenverdrehen; in Zeitlupe das Publikum animieren; die jungen Jim Morrison und Richard Ashcroft) singt und tanzt seine pathetischen Gesten. Dazu ein monotoner Bass, ein stumpfgerades Schlagzeug, ein kosmisches Keyboard und eine stahlharte Gitarre. 120 Days klangen immer dann richtig super, wenn sie voll dröhnten; ihre ein, zwei Versuche konventionelleren Songwritings ließen den Börsenindex schnell wieder nach unten fallen.

The Besnatd Lakes Teil Drei der Geschwister im Geiste: die Besnard Lakes aus Montréal. Das Sextett fuhr gleich drei Gitarren auf, eine davon gehörte dem Wolf Parade-Produzenten Jace Lasek. Er und seine Freundin Olga Goreas bilden den Kern der Band, deren Album »The Besnard Lakes Are The Dark Horse« auch bei uns eben erst erschienen ist. Ihr Zugang zur Psychedelie ist ziemlich komplex; sie spielen ebenso die Klaviatur Angelo Badalamentis zwischen Ambient-Kitsch und Walking-Bass-Rock’n’Roll aus, wie sie die übersättigten Farben der West Coast, die Steel Guitar des Südens und countryeske Gesangsharmonien in ihr Ding einpflanzen. The Besnard Lakes sind wirklich ein dunkles Pferd. Irre schöne Songs, knalllaut, damit ging es gut ins Bett.

Heute ist Programm, voll, voll, voll: Schon am Nachmittag spielt Final Fantasy unten am Strand, im so genannten »Palais Sony Ericsson«, der aber eigentlich der Palais du Grand Large ist. Auch oben, im Fort de St Père, wehen die Fahnen der Kommunikationsunternehmen und Großhandelsketten, während das Festival gleichzeitig schon im siebzehnten Jahr den Kleinstlabels und Fanzines des Landes ihren Platz auf dem Festivalgelände einräumt. Auf der Bühne dort spielen heute Albert Hammond Jr und Electrelane; Sonic Youth wollen zum zwanzigsten »Daydream Nation«-Jubiläum das komplette Album in seiner Reihenfolge runterspielen. Musikgeschichtskaraoke mit den Feedbacks der Bandbiografie trifft meine eigene Histoire. Die Gitarrenmauern sind der Soundtrack meines Abi-Lernens. Ich bin sehr gespannt.

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