Sven Kacirek & Daniel Mburu Muhuni „Electronic Partnership Agreement“ / Review

Schleichend verhandeln die EU und Nordamerika ausbeuterische Wirtschaftsabkommen mit schwächeren Staaten. Sven Kacirek und Daniel Mburu Muhuni haben sich dazu in Kenia umgehört und Interviewschnipsel zu einem Album gemacht.

Im Oktober 2014 setzte die EU Kenia die Pistole auf die Brust: Solange sich das ostafrikanische Land weigere, ein Freihandelsabkommen zu unterzeichnen, müsse die wichtige kenianische Blumenindustrie eben in Europa hohe Einfuhrzölle zahlen. Schon zu Weihnachten jenes Jahres knickten die Kenianer ein und schlossen einen der euphemistisch Economic Partnership Agreement genannten Knebelverträge ab. Die folgende Wiederaufhebung der Zollschranken nannte die EU salbungsvoll „ein Weihnachtsgeschenk“. Mit dem EPA muss Kenia nun 80 Prozent seiner Märkte für europäische Importe öffnen, kenianische Unternehmen erhalten im Gegenzug zollfreien Zugang zu Europa. Dabei, da sind sich neutrale Ökonomen weitgehend einig, werde das Land an die Wand gedrückt. Damit wir hier weiter billig Schnittblumen oder im Winter grüne Bohnen kaufen können.

„The European Union can’t be trusted“ – So sehen wir von außen aus.

Finger hoch, wer das außer einigen Profi-Globalisierungskritikern mitbekommen hat! Wirtschaftspolitik, klar, langweiliges und kompliziertes Thema. Der deutsche Musiker und Produzent Sven Kacirek arbeitet seit 2009 immer wieder in Kenia. Solo erschien von ihm 2011 das sanfte Album The Kenya Sessions, zusammen mit Stefan Schneider nahm er unter anderem die Doppel-10-Inches Mukunguni (2013) und Rang’ala (2014) auf. Er sagt, seine Arbeit vor Ort habe sein Interesse für wirtschaftspolitische Zusammenhänge geweckt. Um das Thema kommt eben schlecht herum, wer in Afrika unterwegs ist und sich nicht nur in Luxusresorts versteckt.

Deshalb interviewte Kacirek gemeinsam mit dem kenianischen Perkussionisten Daniel Mburu Muhuni vor Ort Ökonomen, Journalisten, Politiker und Kleinbauern zum EPA. Anschließend kollagierten sie deren Aussagen und unterlegten sie mit Kacireks Signatur-Vibrafontupfern sowie fragender Perkussion. Dabei zeichnen die Instrumente immer wieder Sprachmelodien der Empörung nach und entfalten so beharrliche Dringlichkeit. Auf dem resultierenden Edutainment-Album Electronic Partnership Agreement, das digital sowie in einer aufwendigen Vinylauflage erscheint, erhalten auf diese Weise Ausführungen zu an sich trockenen Themen wie Klimawandel oder internationalen Vertragsverhandlungen eine sinnliche Qualität. Und man lernt ganz nebenbei, wie die Wirtschaftspolitik der EU Kleinbauern in Ostafrika die Lebensgrundlage entzieht sowie die Krankheit industrielle Landwirtschaft in alle Welt exportiert. „The European Union can’t be trusted“, sagt ein Betroffener. So sehen wir von außen aus.

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