Sudan Archives – Den Bogen überspannt

Sudan Archives hat sich beim Alt-Rap-Label Stones Throw reingefiedelt. Zwischen Soul, westafrikanischen Rhythmen und sudanesischem Folk erforscht die US-amerikanische Künstlerin auf ihrer nun erschienen ersten EP die vielen Seiten ihrer Geige. 

Die Geige hat schon ein paar Zeitalter und Kulturen mitgemacht, aber nie den Mythos des Hochnaseninstruments abschütteln können. Auch Brittany Parks sah sich damit bereits konfrontiert, schon kurz nachdem die damals Neunjährige erstmals zur Geige gegriffen hatte. „Die Leute in dem Orchester, dem ich angehörte, hielten mich für bescheuert, nannten mich ‚unzähmbar‘“, erzählt die 23-jährige Künstlerin aus Cincinnati. Sie lacht, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie mit Korpusgetrommel und unorthodoxen Griff- und Zupftechniken ihre Mitspieler in den Wahnsinn trieb – „bis mir die Saiten um die Ohren flogen“. Was wie kreativer Eigensinn aussah, war aus der Not geboren: Parks’ Mutter konnte sich den teuren Einzelunterricht nicht leisten, den ihre Tochter verdient gehabt hätte. „Noten zu lesen habe ich erst spät gelernt“, gesteht die Autodidaktin. „Aber das haben die anderen nie gemerkt.“

Da es in ihrem streng religiösen Haushalt nicht viel Ablenkung gab, verbarrikadierte sich Parks tagelang im Kinderzimmer und studierte nach Gehör Bach oder irische Folk-Fiedeleien ein. Mit 17 kam die obligatorische Rebellion, Parks warf die christlichen Fesseln ab, schlich sich nachts aus dem Haus und in die Clubs der Stadt, wo sie mit experimenteller elektronischer Musik und der Live-Manipulation von Instrumenten in Berührung kam – dem zweiten Pfeiler ihrer Schlafzimmerproduktionen. Vor allem begann sie sich zu der Zeit zunehmend für afrikanische Geschichte und Musik zu interessieren und ließ sich von ihrer Mutter den Künstlernamen Sudan Archives verleihen. „Am Ende des Tages“, bemerkt Parks, „schlummert in uns allen etwas Uraltes. Obwohl ich aus den USA komme, wusste ich, dass ich mehr bin als nur Amerikanerin.“ Ihrem ethnomusikologischen Faible folgend, suchte Parks nach ihren verborgenen Wurzeln in den geigen- und fiedellastigen Traditionen sudanesischer und westafrikanischer Folkmusik.

Mit 19 bestieg sie mit nicht viel mehr als drei Kleidern und ihrer Geige zum ersten Mal in ihrem Leben ein Flugzeug und zog nach Los Angeles. Was Parks in ihrer Jugend den Außenseiterstempel aufdrückte, öffnete ihr dort Tür und Tor: pentatonisches Freeform-Gefiedel, synkopische Rhythmen, nach wie vor direkt auf den Korpus getrommelt. Dazu sonnig verstrahlte Beats, gesampelte Loops und Parks’ verträumter Samtgesang. Niemand verbannte sie mehr in die zweite Reihe, wie einst im Orchester. Ein einziger Track, der alle Parks-Trademarks vereinte, reichte, um ihr zu einem Signing als derzeit einzige Künstlerin auf Stones Throw zu verhelfen. Das Video zu dem Song namens „Come Meh Way“ wurde im Norden Ghanas gefilmt – den Dreharbeiten war die zweite Flugreise im Leben von Brittany Parks vorausgegangen. Sie blieb dann gleich etwas länger und unterrichtete an einer Musikschule. Die nächste große Geigennervensäge, sie könnte also aus Ghana kommen.

Sudan Archives live
17.11. Düsseldorf – New Fall Festival
18.11. Hamburg – Überjazz Festival
19.11. Stuttgart – New Fall Festival

Dieses Feature ist wie viele andere Geschichten in der Printausgabe SPEX No. 376 erschienen. Das Heft und alle anderen Back Issues können nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden.

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