»Straight Outta Compton« / Review zum Filmstart

»Man könnte fünf verschiedene N.W.A-Filme drehen«, sagt Ice Cube. F. Gary Gray legt mit dem autorisierten Biopic Straight Outta Compton den wahrscheinlich zahmsten davon vor.

Straight Outta Compton versteht sich als Musikfilm, aber während seiner zweieinhalbstündigen Spielzeit wird nur sehr wenig Musik gemacht. Einmal stehen Dr. Dre und Eazy-E gemeinsam im Studio, der Produzent coacht den MC durch eine Aufnahme von dessen Solodebütsingle »Boyz-N-The Hood«, und beinahe verzweifelt er am fehlenden Rhythmus- und Sprachgefühl des ehemaligen Drogendealers und rappenden Quereinsteigers. Wort für Wort arbeiten sich die beiden Mitglieder von N.W.A voran, dann Zeile für Zeile, bis schließlich der aufgekratzte Eazy-E-Stil entsteht, ein template, das später von so unterschiedlichen MCs wie Ol‘ Dirty Bastard, Lil Wayne oder Danny Brown aufgegriffen und abgewandelt wird.

Die Szene gehört zu den besten in Straight Outta Compton, lebendig, unbekümmert, selbstironisch, aber sie bleibt isoliert in einem Film, der sich mehr für Verträge interessiert als für lyric sheets. Regisseur F. Gary Gray erzählt viel über die Begleitumstände des professionellen Musikmachens, die Mechanismen der zugehörigen Industrie, über Manager, Talentscouts und ihren potenziell problematischen Einfluss auf die Dynamik einer ohnehin spannungsgeladenen, aber auch sehr unerfahrenen Gruppe. Es gibt, zumindest gefühlt, mehr Szenen in Büros und Arbeitszimmern als in Studios und auf Konzertbühnen.

Diese Herangehensweise ist nicht illegitim. N.W.A haben ihre kommerziellen Absichten nie verborgen, es ging ihnen immer darum, mehr Geld zu verdienen, als ein normaler Mensch ausgeben kann – und die Sache mit dem Ausgeben dann doch wenigstens zu versuchen. Drohbriefe des F.B.I. und öffentliche Plattenverbrennungen durch hysterische Bürger ließen die Band offenbar kalt. Aufmerksamkeit ist immer gut, und die Platten waren ja bezahlt. Straight Outta Compton endet mit dem Verkauf von Dr. Dres großer Kopfhörerfirma an einen noch viel größeren Technologiekonzern. Angeblich streicht er damit drei Milliarden Dollar ein.

Es ist eine Sache, das alles einzubeziehen, es ist eine ganz andere, sich davon verführen zu lassen. Straight Outta Compton wählt den gleichen sorgenbefreiten Blickwinkel, mit dem auch N.W.A stets auf die Anfeindungen der Unverständigen, aber auch auf diskussionswürdige Kritikpunkte an ihrer Musik reagiert haben. Ihre Texte, heißt es seit jeher, seien quasi-journalistische Verdichtungen eines Lebens in der Hood, das nun mal geprägt war von polizeilicher Willkür und Gewalt, legalen und illegalen Aufstiegsversuchen, Mord und Totschlag und Misogynie.

Damit gibt sich Straight Outta Compton zufrieden, und somit vergibt er auch eine Chance. Beispielhafte Vorfälle dokumentieren zwar die Methoden der Polizei von Los Angeles in den späten Achtzigerjahren, und der Fall des Rodney King sowie die darauf folgenden Unruhen helfen in der zweiten Hälfte des Films bei der zeitlichen Verankerung. Gray versäumt es jedoch, sich von seinen Protagonisten und deren persönlichen Kämpfen um Respekt, Relevanz, Geld und Gesundheit zu lösen. Seine Überlegungen zu Machtspielen und -verhältnissen Enden im Vorgarten der Villen von Eazy, Dre und Cube. Hier bleibt Straight Outta Compton profillos.

Während institutioneller Rassismus, race riots und Polizisten in panzerähnlichen Fortbewegungsmitteln zumindest im Film auftauchen und damit auf noch immer ungelöste Probleme verweisen, kommt ein anderer Brennpunkt der N.W.A-Geschichte in Straight Outta Compton gar nicht zur Sprache. Frauen zeigt der Film vor allem, damit sie begafft werden können: Sie illustrieren Pool- und Hotelzimmerpartys, entweder im Bikini oder eben nicht im Bikini. Dass Dr. Dre Anfang der Neunzigerjahre eine Journalistin und seine damalige Verlobte verprügelte, stand zwar in einer Rohfassung des Drehbuchs, wird im fertigen Film aber nicht erwähnt.

Die betroffenen Frauen haben sich bereits zu Wort gemeldet, Dr. Dre hat sich öffentlich-unpersönlich entschuldigt, die Entschuldigungen wurde abgelehnt, Pitchfork berichtet im Liveticker-Stil – PR-mäßig läuft es also wie geschmiert für Straight Outta Compton, der in den USA bereits zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres gehört. Für einen Blockbuster ist immerhin seine Schizophrenie ungewöhnlich: Selten hat ein Film, der sich kritisch mit den Machenschaften der Musikindustrie beschäftigt, die Tricks der Musikindustrie strikter befolgt, um sich von seinen unschönen Seiten reinzuwaschen.

Straight Outta Compton läuft ab 27. August in den deutschen Kinos.

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