Stereo Total

StereoTotal

Ab August weltweit und im Oktober, da sind sie in Deutschland wieder unterwegs. Zu sehen sind dann Stereo Total nach dem Frühjahrsputz: die Archive durchforstet, benutzt, und vertont; die Platten gestapelt, bewertet, die Guten belohnt. Denn Françoise Cactus und Brezel Göring haben sowohl gerade eine neue Platte aufgenommen wie auch selbst eine Best Of kompiliert. Arbeiten also durchgeführt, nach denen wieder bessere Sicht herrscht auf das eigene Handeln.

    Als das gastfreundliche Duo in einem Wohnzimmer irgendwo in Kreuzberg von den zurück liegenden eineinhalb Jahren erzählt, Brezel von der Wurlitzer, an der er die neuen Stücke geschrieben hat;  Françoise von den einfachen Reimen, die ganze Geschichten antriggern, da liegt mit einem Mal ihre komplette Operation vor mir. Stereo Total sind eigentlich echte Konservative, indem sie die Schlüsselreize der Mediengeschichte zwar wie ein Abwehrschild benutzen und sie wenn auch gut getwistet wieder zurückschicken in die falsche Welt; sie machen sie so aber auch zugänglich für all jene, die schon einmal das Wort »Spießer« auf der Zunge hatten und bewahren die Ikonen der Allgemeinheit letztlich in ihrem eigenen Universum auf.

    Das S-Wort sei hier auch deshalb erwähnt, weil Brezel Göring der vielleicht einzige Mensch ist, der »Spießer« sagt und nicht peinlich wirkt. Beim Songschreiber von Stereo Total klingt es wie ein gerade erst entdecktes, total originelles Lieblingswort, hat etwas Zitathaftes ebenso wie es das wohl Gemeinte umschreibt. »Paris-Berlin«, comment? »Wir wollten was ganz Doofes« sagt Cactus in ihrem übertriebenen Frnzösisch-Akzent. »Ich bin französisch, er ist deutsch; in unserer Musik stecken französisches Chanson und deutsche Elektronik.« Hier beginnt sie also bereits, die Stereotypenbildung. Und sie durchzieht, wie noch auf jeder Stereo Total-Platte seit dem Debüt »Oh Ah« 1996, das ganze Ding.  Wie gesagt, Schlüsselreize der Mediengeschichte werden bedient: Es geht in »Miss Rébellion des Hormones« um »die Oktoberrevolution in der Welt der Hormone« eines jungen Mädchens, fortan um »Stricherjungen«, um natürlich »Plastic« und um… den »Komplex mit dem Sex«. Hinter letztgenanntem Song verbirgt sich ein sweeter Ohrwurm, der von  einem libidinösen Fiasko handelt. »Ich fand diesen Reim mit Komplex und Sex. Von da an musste ich mich nur noch fragen, wie es weitergeht, und schon war der Text fertig« erklärt die Sängerin und Schlagzeugerin.

    Aufgestöbert wurden die Zeilen von Brezel Göring. Das ganze Text-Archiv von  Françoise Cactus durfte er für »Paris – Berlin« durchstöbern. Was ihn anmachte, brachte Göring dann auf seine Wurlitzer-Orgel – »die spielt sich so leicht wie ein Glockenspiel« – und Cactus wiederum finishte die Texte. »Vieles davon sind ja nur so Ein-, Zweizeiler« sagt sie; »Material allerdings für mindestens zehn bis fünzehn Platten« er. Und so macht eine der beliebtesten Indie-Bands deutscher Sprache ihr Spiel einfach weiter und weiter; und wer den Anfang verpasst hat, der findet jetzt eine .zip-Datei inform von »Party Anticonformiste«, der Best Of-Bungalow-Years der Band.

»Paris – Berlin« von Stereo Total ist erschienen auf
Disko B / Indigo; die Compilation »Party Anticonformiste« auf Bungalow / Indigo.

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