Sportlehrer und Achtsamkeit – Nos Primavera in Porto / Rückblende

Flying Lotus

Im Schlamm wälzen? Drogen? Nicht auf dem Nos Primavera in Porto. Dafür sind die herausgeputzten portugiesischen Polizisten zu aufmerksam. Langeweile kommt aber dennoch nicht auf. Denn während der katalanische Festivalexport mit großen Namen wie Bon Iver lockt, gibt es gleichzeitig allerhand unbekannte und randständige Künstler zu entdecken. Alexis Waltz hat sich Anfang des Monats für SPEX ins satte Gras fallen lassen und den Festivalbetrieb beäugt. 

Wie die große Schwester Primavera Sound in Barcelona findet Nos Primavera in Porto mitten in der Stadt in einer großen Parkanlage statt. Eine Gelegenheit zum Campen gibt es nicht, entsprechend gepflegt kommen die Besucher des Festivals daher, die an den zahllosen Buden vorbei zu den Bühnen strömen. Nos Primavera ist eine integrative Veranstaltung: Es sind etwa so viele Portugiesen wie angereiste Gäste da, viele kommen aus Großbritannien.

Miguel

Das Line-up katalogisiert akribisch die alternative Popmusik der letzten dreißig Jahre, was sich auch im breiten age range des Publikums zwischen 20 und 50 widerspiegelt. Natürlich überwiegen die Twens, aber es gibt auch Eltern mit kleinen Kindern und Jugendliche, die ihren Star anschmachten, während der Papa die Lightshow mit seinem Smartphone filmt. Viele dieser jugendlichen Fans zieht Miguel aus Inglewood in Los Angeles an. Über Miguel heißt es immer wieder, er habe den R’n’B von seinem Machismus befreit – und das ist hier tatsächlich zu erleben. Wie kaum ein anderer Musiker bemüht er sich um eine echte Beziehung zum Publikum, er freut sich ganz ernsthaft über die Reaktionen aus der Menge. Er versucht, die Leute zum Tanzen zu bringen, er erklärt, was es für ihn bedeutet, dass er aus dem ärmlichen Inglewood stammt und jetzt auf dieser Festivalbühne steht. Und am Ende setzt er sich für eine kleine Achtsamkeitsmeditation an den Bühnenrand.

Teenage Fanclub verwalten ihr Gitarrengeschrammel wie andere ihre Modelleisenbahn.

Das Nos Primavera verfügt über vier Bühnen. Am schwersten haben es die jungen Musiker auf der betonierten „Pitchfork Stage“ am Eingang des Festivalgeländes. Hamilton Leithauser, Cymbals Eat Guitars oder Mitski kämpfen sichtlich mit diesem unfreundlichen Ort mit Blick auf die Fressmeile. Sichtlich haben sie Probleme, in ihre Musik zu finden. Bessere Karten haben die alten Rocker (Royal Trux, Swans, Shellac oder The Make-Up). Ihre Bühne befindet sich am Rand des Festivalgeländes an einem kleinen Wald, ein verwunschener Ort, der zu Zeitreisen einzuladen scheint. Teenage Fanclub verwalten ihr Gitarrengeschrammel wie andere ihre Modelleisenbahn. The Make-Ups David Candy belebt die Gefühlspolitik eines Soulsängers aus den Sechzigern wieder, und wirkt dabei allzu unbeleckt und unreflektiert.

Steve Albinis Shellac spielen leiser, als alle anderen Bands und haben dabei doch oder gerade deshalb den besten Sound. Die Band spielt ihre sparsamen Postpunk-Riffs mit der Konzentration einer Jazzcombo und ihre clownhafte deconstructed masculinity ist auch sehr sympathisch. Ebenso toll sind Arab Strap aus Schottland. Sie lassen sich vom Festivaltrubel nicht anstecken, im kalten weißen Licht verkünden sie ihre nackte, existenzialistische Botschaft: Das Leben ist schmerzvoll und die Gitarre mit ihren zahllosen klanglichen Facetten ist am Ende dazu da, dieses Leid zum Ausdruck zu bringen. Die Band lehnt es ab, ihre Schwere und Unbeholfenheit abzulegen, die besonders in der nölenden Stimme von Sänger Aiden Moffat ihre Entsprechung findet. Diese Armutsästhetik scheint ein Spiegel realer Verhältnisse zu sein. Die beschaulich vor sich hinhämmernde Drum Machine zerstört den Authentizismus der Rockmusik, die lärmende Extase kommt unverhofft.

Japandroids

Der Kontrast zwischen Arab Strap und Japandroids könnte folglich nicht größer sein. Der Rock dieses Jahrzehnts trifft auf den der Neunziger. Das Duo zieht seine irrwitzige Dynamik aus dem Umstand, dass es zu zweit einen Job erledigt, für den es eigentlich drei oder vier Musiker braucht. Drummer David Prowse muss mit seiner Bassdrum den Bassisten ersetzen und auch noch singen. Die beiden haben den wütenden, polternden Garagensound ihrer früheren Alben mittlerweile durch einen präzisen Rock ’n‘ Roll ersetzt, der die Macken dieser in einer neurosenfreien Sportlichkeit auflöst.

Sleaford Mods

Wer sich gegen diese Dekontextualisierung und die damit verbundene Depolitisierung streubt, ist bei den Sleaford Mods aus Nottingham besser aufgehoben. Das Duo bricht vollends mit dem gelassenen Hedonismus des Festivals. „England“ wiederholt Vokalist Jason Williamson immer wieder und dreht dabei mit der Menschenverachtung des römischen Kaisers Nero seinen Daumen nach unten. Die dahin gerotzten, verächtlichen Worte erinnern an John Lydons Solo-Act Public Image Limited. Williamsons Partner Lindsey Fearn spielt dazu die entsprechenden Songs vom Laptop ab. Statt Aktion zu simulieren, tritt er erfreut von einem Bein auf das andere und spricht aus Begeisterung die Texte mit, ohne ein Mikrophon in der Hand zu haben.

In eine ähnliche Richtung, nur weniger verbittert, gehen Run The Jewels aus New York City und Atlanta. Die beiden wirken wie ein hyperaktiver Sportlehrer und sein schlechtester Schüler. Übergewicht zieht sich als Thema durch das Set, am Ende wird sogar ein Roadie und Fitness Coach auf die Bühne geholt und als Mentor der beiden vorstellt. Männlichkeit ist für Run The Jewels nichts Heroisches mehr. Dieser Niedergang ist aber kein Grund zum Jammern, Killer Mike und El-P kosten die Ambivalenzen aus. Sie sensibilisieren für sexuelle Belästigung auf dem Festival und unterschlagen dabei doch nicht ihre Derbheit. Die Komplexität des Sounds ihrer drei Alben wird radikal reduziert, der Charme der Stücke liegt oft hauptsächlich darin, das letzte Wort einer Zeile zweistimmig zu wiederholen. So sind Run The Jewels die genialen Dilettanten, die der Popmusik heute oft fehlen.

Ein hyperaktiver Sportlehrer und sein schlechtester schüler

Bands müssen sich auf Festivals dieser Klasse durch eine brutale Hackordnung kämpfen. So darf nur der Headliner des jeweiligen Abends seine eigene Lichtshow mitbringen. Am ersten Tag sind das Justice, die ein morbides Stadionrock- resprektive French-House-Mausoleum inszenieren. Gigantische, bewegliche Leuchtkästen schaffen immer neue Räume und erzeugen so eine unerwartete Dramaturgie. Visuell kann dem nur Flying Lotus etwas entgegensetzen, der zwischen zwei durchsichtigen Videoscreens spielt. Die Doppelprojektion reißt einen durch popkulturelle Bildwelten. Animes gehören da ebenso dazu wie Visualisierungen des Körperinneren aus der Medizin. Ähnlich haltlos ist auch die Musik, die von der Vergangenheit und der Zukunft besessen scheint, aber kaum eine Beziehung zur Gegenwart entwickelt. 

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