SPEX präsentiert: Simon Reynolds: „Glam“ / Review und Lesetour

Glam ist Pop in Reinkultur, war aber auch reaktionär und größenwahnsinnig – Erkenntnisse aus Simon Reynolds‘ neuem Buch Glam. Es ist im Ventil-Verlag erschienen, übersetzt von Jan-Niklas Jäger. Im Dezember kommt der britische Musikjournalist auf Lesetour nach Deutschland.

Jaja, die verrückten Siebziger, „Wig Wam Bam“, „Teenage Rampage“ und „Mama Weer All Crazee Now“, Männer in Drag und mit beknackten Künstlernamen: Wer bislang glaubte, dass die Glam-Ära nur eine plateaubesohlte Fußnote der Popgeschichte darstellt, wird von Simon Reynolds buchstäblich eines Besseren belehrt. In seinem 700 Seiten starken Buch Glam – im Original Shock And Awe – arbeitet sich der britische Journalist an einem Phänomen ab, das bis heute nachhallt bzw. nie wirklich zu Ende ging.

Reynolds’ typische Herangehensweise (akribischer Professor meets begeisterten Fanboy) bedingt die ausschweifende Form: Das persönliche Erweckungserlebnis (Marc Bolan im TV gesehen) ist der Opener einer mäandernden, dabei stets faktenbasierten Erzählung, die Glam als Style und Sound in allen nur denkbaren Facetten zeigt und Randbereiche nicht nur streift, sondern hell ausleuchtet. Natürlich sind britische Acts wie David Bowie, Roxy Music, Bolan und Sweet Glam-Hauptdarsteller – aber Reynolds nimmt auch weniger bekannte Vor- und Ausläufer wie Jobriath oder The Cockettes aus den USA in den Blick.

Dabei vermeidet es Reynolds, Glam als revolutionär zu bezeichnen: Glam zelebriert zwar das Künstliche, Anti-Authentische, steht für Oberfläche, Jugendkult, Phantasie und Entgrenzung, ist also Pop in Reinkultur. Aber Glam war auch reaktionär und größenwahnsinnig – für Reynolds sind beispielsweise Bowies publicitygierige Manager Vorläufer von Despoten wie Donald Trump. Die zweifelhafte (Selbst-)Inszenierung des Popstars als „Herrscher“ über sein Fanvolk als Gegenbewegung zu den soft-liberalen Hippies begann mit Alice Cooper und Gary Glitter, und auch musikalisch war Glam wenig visionär, sondern eher rückwärtsgewandt. Interessant ist aber, was diese Epoche in Bewegung setzte: Punk bediente sich direkt aus dem schrillen Fundus, laut Reynolds ist auch Siouxsie Sioux die eigentliche Königin des Glam und nicht die raubeinige Suzi Quatro. Und überhaupt, Frauen: Im frühen Glam tauchten sie kaum auf (außer eben Quatro und etwas später Grace Jones), heute führen Lady Gaga, Nicky Minaj oder Kesha das Glam-Erbe weiter.

SPEX präsentiert Simon Reynolds auf Lesetour
04.12 Berlin – Hebbel am Ufer
05.12 Bremen – Schwankhalle
06.12 Frankfurt – Milchsackfabrik
07.12 Köln – King Georg
08.12 München – Kammerspiele
09.12 Mainz – Capitol-Kino

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