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Der quer denkende Kinokünstlerkopf von Harmony Korine spricht zum allgemeinen Vergnügen gerne aus dem Bauch heraus. »Digital und analog – Ich wünschte, diese Begriffe könnten sich einen Strick nehmen und Selbstmord begehen«, grummelte er anlässlich des Schwerpunkts »Film« in der Reihe »Digitale Evolution« (siehe Spex #329). Unvergessen, wie er in Gestalt eines Revolutionärs und »Waffenbruders« der Dogma95-Gruppe um Lars von Trier bekannte, welche Dogmen er in seinem Film »Dogma #6 Julien Donkey Boy« nicht eingehalten habe: »Ich beichte, dass der schwangere Bauch von Chloë Sevigny nicht wirklich schwanger war. Ich habe selbst versucht, sie zu schwängern, aber die Zeit war zu knapp.« (Nachzulesen im immer noch nicht vergriffenen, wunderbaren Reader »Dogma 95: Zwischen Kontrolle und Chaos«, Alexander Verlag Berlin)

    Über den Hintergrund seines aktuellen Films ließ der in Bolinas bei San Francisco geborene Korine folgende biografische Anekdote verlauten: »Als ich noch ein Kind war, gab es in unserer Nachbarschaft eine Gruppe von Rentnern, die in den Hintergassen und unter Brücken rumhingen und sich ständig betranken und tanzten. Eines Nachts sah ich aus meinem Schlafzimmerfenster, wie einige von ihnen Mülltonnen fickten und dabei lachten. Es klang, als ob sie in einer fremden, erfundenen Sprache sprächen. Dies ist ein Film über sie.« Der Film heißt »Trash Humpers«, wurde in den Randgebieten Nashvilles auf VHS gedreht – mit einem ganzen Dutzend billig ersteigerter Kameras, weil deren Akkus nur noch wenige Minuten halten. Das Ergebnis ist verwaschen, verwildert und unmöglich zu vergessen – ein Albtraum für den Fremdenverkehrsbeauftragten des Bundesstaates Tennessee.

    »Trash Humpers« variiert weder Larry Clarks »Kids«, zu dem Korine das Drehbuch schrieb, noch haben wir es mit einem Sequel seines gagaesken Regiedebüts »Gummo« zu tun. Der Film lässt vor allem an sein einst bei David Letterman angekündigtes Sequel von »Titanic« (mit einem Ruderboot) denken, handelt es sich bei »Trash Humpers« doch unzweifelhaft um eine Gesellschaft, die Dank ihrer enthemmten Triebtäterei und exzessiven Stumpfsinnigkeiten dem Untergang geweiht scheint. Angesichts von Korines Retro-Ästhetik, die man mit gleichem Recht interessant, aber auch als Zumutung empfinden kann, stellt sich einmal mehr die Frage, ob jedes Kunstwerk, das sich vor allem durch Konsequenz in seiner Ausführung auszeichnet, an sich schon eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen ist. Endgültige Antworten darauf gibt es zwar auch ab Mitte Februar nicht, aber immerhin kann man sich diese Frage dann selbst beantworten: Spex präsentiert die Vorführungen von »Trash Humpers«, die in einer Gilde ausgesuchter Kinos deutschlandweit gezeigt werden.

 

»Trash Humpers«, USA/Großbritannien 2009, Regie: Harmony Korine, 74 Min., mit Rachel Korine, Brian Kotzur, Travis Nicholson, Harmony Korine


VIDEO: Trash Humpers (Trailer)

Spex präsentiert Harmony Korines »Trash Haumpers«:
16.-17.02. Bochum – Endstation
17.-23.02. München – Werkstattkino
17.-23.02. Berlin – Eiszeit Kino
17.-23.02. Berlin – BrotfabrikKino
17.02.-02.03. Dortmund – Sweet Sixteen
18./19. & 25./26.02. Bamberg – Lichtspielkino
21.02. Düsseldorf – Bambi
23.02. Köln – Filmpalette

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