Songtextkritik Tracey Thorn »Late In The Afternoon«

Über drei Dekaden nach ihrem ersten Album erscheint nun am 23. Oktober das Tracey-Thorn-Best-of Songs And Collaborations 1982-2015. Höchste Zeit, die britische Songwriterin bei dem zu nehmen, was sie uns seit über 30 Jahren schenkt: das Wort.

Late in the afternoon, October
Lights be coming on soon
Late in the afternoon, a little older
Be turning the clocks back soon
But you can’t turn the clocks back, can you?

I’m not a novelty
You know every inch of me
Please don’t begin to doubt me
Forget what you love about me

Look out your high window, November
A carpet of leaves below
You never saw through me, remember
And it wouldn’t take that much
For something to kick away this crutch

I’m not a mystery
You know everything about me
I stand here every night
In fluorescent bathroom light

Every blemish, every scar
You know how they got there
And where they are
So don’t get bored anytime soon
Cause it’s late
It’s late in the afternoon

1982 gründete Tracey Thorn zusammen mit ihrem Musik- und Lebenspartner Ben Watt das Duo Everything But The Girl. Nach anfänglichen Gehversuchen in der damals Sophisti-Pop genannten Stilrichtung – Acts wie Sade oder Paul Wellers Style Council ersetzten dabei die Ecken und Kanten des Postpunk durch cocktailjazzige Rundungen – unterlegten Everything But The Girl Thorns melancholischen Alt bald verstärkt mit Tanzrhythmen. Ein Remix des Stücks »Missing« markierte schließlich 1995 den weltweiten Durchbruch.

»I miss you like deserts miss the rain«, der Refrain von »Missing«, ist Tracey Thorns bekannteste Textzeile. Wie bei manchem Evergreen gehen die Bedeutungen der Lyrics über Jahre der Dauerschleifen in Autoradio und Dinnerpartyplaylisten ein wenig verloren. Beim Betrachten der Zeile, schwarz auf weiß, erinnert man sich, warum das Lied ein Hit werden musste: die perfekte Popzeile, emotional, komprimiert und dennoch riesige Landschaften und stille Einsamkeit evozierend.

Die stille Einsamkeit, die auch innerhalb dauerhafter Beziehungen fortbesteht, das Jemanden-Vermissen, obwohl man mit dieser Person zusammenlebt – all das ist gewissermaßen Thorns Spezialgebiet. Ihr späteres Solo-Stück »Late In The Afternoon« drückt die Angst davor aus, der Partner könne einen verlassen, um dem allzu Vertrauten zu entkommen. Das spätnachmittägliche, Herbstmonate benennende Setting wird als Bild für langjähriges, sich der großen Dunkelheit näherndes Zusammensein kontrastiert durch »I stand here every night / In flourescent bathroom light«. Hier strahlt das unbarmherzige Neonlicht des Alles-über-den-Partner-Wissens: »Every blemish, every scar / You know how they got there.«

Thorn weiß, wovon sie spricht. Sie lebt nach wie vor mit Watt zusammen, noch vor ihrem weltweiten Durchbruch pflegte sie ihn durch eine lange Phase schwerer Krankheit. So wurden ihre Texte, die selten das im Pop vorherrschende Jetzt! Hier! Alles! Neu! besingen, zu Oden an das Zurückgehaltene, Unausgesprochene, Langgezogene im ewig verflixten Hickhack zwischen Ich und Du. Wahrscheinlich liegt der Schlüssel zu einer so langanhaltenden Beziehung darin, sich zwar vollends zu offenbaren, dies aber vorsichtig und allmählich zu tun.

In ihren Memoiren berichtet Thorn von ihren Anfängen als Sängerin. Zu einer frühen Bandprobe mit einer frühen Band war die eigentliche Sängerin nicht erschienen, also forderte man Thorn auf, es zu versuchen. Sie tat es, aber nur unter der Bedingung, dass die anderen sie dabei nicht sahen. Also sang sie im Kleiderschrank.

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