Songtextkritik: Sophie Hunger »Die ganze Welt«

Am 24. April erscheint Sophie Hungers Album Supermoon. Im Song »Die ganze Welt« umwandert die Schweizer Sängerin die popgenretypischen Gefahren der absoluten Liebeseinlassung auf so verschlagen schöne Weise, dass der Text eine genauere Betrachtung wert ist.

Ich spreche leise
mit ’ner zerbrochnen Fensterscheibe
über Anarchie

Ich üb’ an Haltung
im Garten mit arbeitslosen Akrobaten
auf Terpentin

Ich falt’ die Hände
wie ein Katholike in der Kirche und hoff’
völlig hin

Du
Du bist die ganze Welt
Du bist die ganze Welt

Ich schaue CNN
geköpfte Kurden und einen Weltrekord im Spurten
Ich bin so aufgeklärt

Ich zähl die Stunden
Ich zähle die Sekunden
Ich bin ein Messgerät

Doch was werd’ ich tun, wo geh ich hin
Wenn das, was ich bin
Dir nicht gefällt?

Du
Du bist die ganze Welt
Du bist die ganze Welt

Was werd’ ich tun, wo geh ich hin
Was werd’ ich tun, wenn das, was ich bin
Dir nicht gefällt?

Du
Du bist die ganze Welt
Du bist die ganze Welt

Aus der Perspektive eines selbstzufriedenen Faulbärs ist es immer wieder amüsant, zu beobachten, welche Aufwendungen Menschen unternehmen, um irgendwem anderen zu gefallen. »Was, wenn er/sie mich nicht mag?«, fragen sie sich nach ihren umfangreichen Optimierungs-, Auszehrungs- und Tüncharbeiten bang, das begehrte Andere um ein grundsätzliches Okay bittend: »Was werd’ ich tun, wo geh ich hin / Wenn das, was ich bin / Dir nicht gefällt?« Viel Fluchtraum bleibt nicht übrig, füllt das geliebte Wesen auratisch doch das ganze Erdenrund: »Du, du bist die ganze Welt.«

Dabei ist eine Einlassung dieser Dimension – legte man sie unter den Romantikzerschmetterungskawummsdampfhammer – eigentlich kein besonders imposanter Ausdruck unermesslicher Liebe, sondern eher ein Eingeständnis der eigenen Beschränktheit. Wenn man sich nichts außer dem anderen vorstellen kann, ist das ja nicht direkt abendfüllend. Weswegen es immer gefährlich wird, wenn jemand solche absoluten Wertschätzungsvergleichswerte aufruft. Wie in Sokos »I Will Never Love You More«, in dem die Erzählerin zu recht misstrauisch wird, als ihr jemand weismachen will, er liebe sie mehr als alles andere auf der Welt. Denn am Ende gibt es doch immer etwas, das man noch ein My lieber mag als den anderen. Tartar im Café Paris zum Beispiel oder die unvergleichliche Samtigkeit eines Französischebulldoggenohrs oder das kleine Unzerstörbarkeitsgefühl, sich nach einem schlimmen Katertag am nächsten Morgen beschwerdefrei aus der Federbetthöhle zu schälen.

Die Schweizer Chansonnière Sophie Hunger umtaumelt die genretypischen Gefahren der absoluten Liebeseinlassung auf verschlagen schöne Weise. Zunächst wendet sie sich bei ihren Aufputzbemühungen an unerwartete life-coaches: Mit einer zerbrochenen Fensterscheibe über Anarchie zu parlieren, scheint etwa so zielführend, wie mit einer groben Landleberwurst über artgerechte Schweinehaltung zu diskutieren. Arbeitslose Akrobaten im Harzsäurerausch können einen sicherlich mancherlei lehren, sicherlich sogar zu einer interessanten Haltung inspirieren, nur den kerzengeraden Gang wird man sich von ihnen nicht abschauen können. Und ob nach der Schulung von Intellekt und Körper noch spirituelle Nährung durch Händefalten gelingen kann – man weiß es nicht.

»Die ganze Welt« – so angekitscht das erst einmal klingt, so schneidend schmerzhaft ist die Idee dahinter. Denn die Welt – das ist im Fernsehen allzeit zu besichtigen – das sind auch Hinrichtungen und Sportwettkämpfe. Grausamkeiten, Sinnlosigkeiten. Wenn man sich trotz dieses Wissens zu solchen Träumerleworten hinreißen lässt wie die Hunger, ja, dann muss es etwas bedeuten.

2 KOMMENTARE

  1. Texte touchant même si je ne comprend pas bien l’allemand.
    J’ai attendu tout le mois d’avril de pouvoir lire les paroles en allemand pour comprendre mieux la chanson die ganze Welt et finalement les voici ces paroles :)
    A ton tour sophie de passer par Reverso ou Google traduction weil ich @u viel müde bin zu au Deutsch schrieben ;)

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