Sleaford Mods und der Sound der Midlands

Sleaford Mods

Wut statt schlechtem Gewissen: Die Sleaford Mods aus der englischen Provinz sind der musikalische Gegenentwurf zum Privatschulabsolventenpop und derzeit auf Deutschlandtour. Nur der politische Anschluss wird wohl ausbleiben.

»Damon Albarn hat einen silbernen Löffel im Arsch stecken.« Mit diesen Worten wies der Schlagersänger James Blunt (»You’re Beautiful«) darauf hin, dass Albarn wie viele britische Popstars ein Kind der upper class ist und dieses Privileg zu kaschieren sucht, etwa mit einem vorgetäuschten Working-class-Akzent. Er sei der Einzige, der seinen Upper-class-Akzent nicht verberge, so Blunt, Absolvent der exklusiven Harrow-Privatschule in London.

Auch Jason Williamson steht zu seinem Akzent. Der Sprechsänger der Sleaford Mods kommt aus den Midlands, das Idiom dieser Region ist in Großbritannien etwa so angesehen wie hierzulande das Sächsische (danke, Christian Werthschulte). Williamson hasst Leute, die in fake accents reden, »egal ob sie jemanden aus East London imitieren oder Lou Reed, GG Allin …« So zitiert Mark Fisher die Sleaford Mods in The Wire. Fisher, Autor von Kapitalistischer Realismus und Ghosts Of My Life (siehe den Text von Olaf Karnik in SPEX N°352), stammt selbst aus den East Midlands, nicht weit von Sleaford, und erzählt von einem wohlmeinenden Dozenten, der ihn auf sein »Sprach- und Akzentproblem« hinwies. Also hat er sich den Akzent abtrainiert und jetzt ein schlechtes Gewissen, Klassenverrat.

Bei den Sleaford Mods sei der Midland-Sound Ausdruck ihres Klassenbewusstseins und der Wut über die britische Politik, so Fisher. »Excremental anger« bescheinigt er dem Duo. Pisse und Scheiße mache sich breit in Williamsons Reimen, als könnte die physische und psychische Gülle der von Camerons Britannien Erniedrigten nicht mehr kontrolliert werden und explodiere durch das dünne Dach der »deodorised digital commercial propaganda«. Die Leute seien abgestumpft von Alkohol und Antidepressiva, sie würden umgeleitet in Kommentarspalten, wo sich ohnmächtige Wut artikuliert. Und leere Entrüstung in Social Media: »All you zombies, tweet tweet tweet«, sprechsingen die Sleaford Mods auf ihrem Album Divide And Exit. Fisher fragt: »Wer wird die Wut und die Frustration der Sleaford Mods aufgreifen? Wer kann diese Wut in ein neues politisches Projekt konvertieren?«

Da lädt er den beiden Midland-Provinzlern einiges auf die zugegebenermaßen breiten Schultern. In Ghosts Of My Life beklagt Fisher streckenweise überzeugend das Verschwinden der Zukunft aus der Musik der Gegenwart, in den Sleaford Mods sieht er zwar nicht die Zukunft von Rock’n’Roll, aber doch offenbar ein brauchbares Update von »no future«. Die Musik gibt das her, zum Teil. »Faustkämpferischer Postpunk-Bass; funktionale, unscheinbare Beats, gelegentlich billige Keyboardriffs und teilnahmslose Gitarren.«

Wer mit britischem (Post-)Punk groß geworden ist, der wird im unheiligen Zorn von Williamsons Berserkertiraden wiedererkennen, was er einst an Mark E. Smith geliebt haben mag, an den frühen Wire, Gang Of Four, sogar den Stranglers. Die Sleaford Mods reanimieren den virilen Strang des Postpunk, die musikalisch wie politisch bedeutenden nicht-männlichen Anteile spiegeln sich allenfalls im sporadischen funky drumming der tribal-primitiven ESG-Art. Sleaford steht für Klassenstolz, aber warum Mods? »Sicher haben die Mods Miles und Motown geliebt, aber wenn sie Musik machten, dann klang das wie The Who und The Jam – Rock, geboren mit einem Plastiklöffel im Mund.« Fisher spielt auf »Substitute« an, den Hit von The Who: »I was born with a plastic spoon in my mouth.«

1965 und 1978, Who und Jam sind groß, der Plastiklöffel hat Glam. Heute regieren silberne Löffel den britischen Pop. »Musizierende Arbeiter- kinder sind eine verschwindende Minderheit«, schreibt Robert Rotifer. »In Zeiten des geschrumpften Musikgeschäfts bleibt die Popstar-Perspektive finanziell vorversorgten Ex-Privatschülern wie Mumford & Sons, Lily Allen, Laura Marling, Florence Welch oder Coldplay vorbehalten. Im Oktober 2010 waren 60 Prozent der britischen Charts-Positionen von musizierenden Ex-Privatschülern besetzt.«

Bei dieser Klassenlage gibt es auf Fishers Frage, wer die Wut der Sleaford Mods in ein neues politisches Projekt konvertieren könnte, nur eine Antwort: kein Mensch. Zu marginal ist die Position der Band, zu wenig massenkompatibel der brachiale Sound. Unvorstellbar, dass gegenwartshaltige S.M.-Songs wie »Jolly Fucker« oder »Jobseeker« (zu hören auf Chubbed Up: The Singles Collection) erreichen, was jede späte Jam-Single geschafft hat: die Top Five. Zudem kam in den frühen Achtzigern auf jede Angry-young-man-Band à la The Fall oder Gang Of Four eine Popgruppe, die bittere Pillen in süßeste Schokolade zu verpacken wusste, Scritti Politti, Heaven 17, auch jene Band, die in einer Hitsingle die schöne Zeile unterbrachte: »The only way to change things is to shoot men who arrange things.«

Dieser Text ist ein Auszug aus dem aktuellen Beitrag der Kolumne »Gegenwartskunde«, die der Autor regelmäßig für den Rezensionsteil von SPEX verfasst.

Sleaford Mods live
​15.05. Münster – Gleis 22
16.05. Hamburg – Golden Pudel Club
17.05. Hamburg – Markthalle
18.05. Berlin – Bei Ruth
23.05. Schaffhausen – Tab Tab
24.05. St. Gallen – Palace
18.07. bis 26.07. Luzern – Blue Balls Festival