Sigur Rós Review

Auf eine ganz einzigartige Weise scheint diese Band ein Geheimnis zu umgeben. Eine Seltsamkeit, die sogar noch zunimmt, wenn man versucht, Teile ihrer Rätselhaftigkeit zu entschlüsseln. Warum machen die diese Musik? Was ist das überhaupt für komische Musik? Warum wird mit dieser Musik automatisch Schmerz assoziiert? Und wenn diese Assoziation überhaupt stimmt, wo kommt der her, dieser Schmerzreflex, auf beiden Seiten? Warum ist diese Art der Schmerzverwaltung so überaus beliebt bei den Menschen? Sind Sigur Rós die Fortsetzung von The Cure und Portishead mit anderen Mitteln? Ist das totaler Unsinn?

    Fest scheint zu stehen, dass die meisten Erklärungsversuche im Bezug auf einige dieser Fragen, sofern sie überhaupt zu beantworten sind, ins Leere laufen, auch durch die Unterstützung der Band, die ja nicht nur die Erklärungshoheit sondern sogar Freude daran hat, unter allen Umständen Geheimnis zu bleiben. Dessen Grund liegt jedenfalls nicht auf Island, ist kein Elfenzauber oder musikalische Landschaftsverarbeitung. Es liegt weder in Jonsis einsamem Herzen, noch in denen der anderen drei begraben. Es ist aber auch nicht Fake noch Fashion, keine clevere Erfindung oder Koketterie. Es ist da, spür- und hörbar.

    Ist in Sigur Rós nur eine Matrix zu sehen, in deren Leerstellen die x-te Jammergeneration fröhlich ihren Weltschmerz hineinprojizieren darf und das auch noch von der Band so gewollt ist? Führen Festlegung und Erklärung unweigerlich zur Entzauberung? Muss ich wissen, ob da »desire« gesungen wird oder nur ein Laut erklingt, der sich ähnlich anhört, aber den gleichen emotionalen Effekt hervorruft? Ist das eine Falle? Ein Spiegel im Spiegel? Vielleicht liegt ja in Jonsis Kiste unter dem Bett im Schlafzimmer ein kleiner Zettel, auf dem steht des Rätsels Lösung. Schlimmstenfalls steht da einfach: »Du«. Was macht nun diese eigenartige Band auf ihrem sehnsüchtig erwarteten Zweitling? Zumindest mal nicht unter dem Erwartungsdruck zerbrechen. Auch nicht diesen zerstören.

    »( )« ist keine Neuerfindung, vielmehr eine permanente Metamorphose. Am Anfang wie ein sich verpuppender Körper, der sich nicht direkt verweigert oder versteckt, aber sich doch so weit, fast bis zum eigenen Verschwinden, zurückzieht, um dann in immer neuen, immer gewaltigeren und bombastischeren Wellenbewegungen Gestalt anzunehmen, eine Gestalt, die immer nur bis zum nächsten Zusammenbruch Gültigkeit hat. Das alles hat nach wie vor eine unfassbare Sound- und Gefühlswucht und besitzt, deshalb vielleicht diese Wortwahl, auch musikalisch eine Menge Pathos wie auch irritierende Züge von Seventies-Trance Rock. Warum man das weiterhin so fantastisch und unwiderstehlich findet, bleibt aber wohl weiter ein großes Geheimnis.

LABEL: 4AD

VERTRIEB: PIAS

VÖ: 01.02.2003

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