Selma: John Legend und Common gewinnen Oscar für den besten Song

Schon die Nominierung von Ava DuVerney als erste afroamerikanische Regisseurin für einen der gestern Nacht verliehenen Oscars, wäre ein Triumph gewesen. Nachdem klar war, dass andere ins Rennen um den Golden Boy gehen, ruhten alle Hoffnungen, das Bürgerrechtsdrama Selma doch noch in der Bestenliste zu platzieren, auf einem Song. John Legend und Common haben mit »Glory« einen aufrüttelnden Titeltrack beigesteuert. Und nach dem Golden Globe nun auch den Academy Award dafür gewonnen.

Es sei die Pflicht eines jeden Künstlers, die Zeiten zu reflektieren, in denen wir leben, sagte Legend in seiner Dankesrede: Selma, das sei heute. Denn der Kampf um Gerechtigkeit finde genau jetzt statt. Die Performance der beiden Musiker (Video unten) wurde neben tosendem Beifall auch mit jeder Menge Tränen gewürdigt. Der Film ist ein Muss, weil sein Stoff an Aktualität nichts eingebüßt hat, im Gegenteil: »We live in the most incarcerated country in the world. There are more black men under correctional control today than there were under slavery in 1850«, so Legend.

Wir sind live auf Sendung. 17 Millionen US-Bürger sehen zu, wie Menschen, die friedlich für die Durchsetzung ihrer gesetzlich garantierten Rechte protestieren, von der Obrigkeit niedergeknüppelt werden. So zeigt Selma einen Akt brutaler rassistischer Gewalt, als Bloody Sunday in die Geschichte der USA eingegangen – und ein Wendepunkt im Kampf um Bürgerrechte. Im März 1965 organisierte die Bewegung um Martin Luther King Protestmärsche von Selma, Alabama, nach Montgomery, in die Hauptstadt des Bundesstaats, um das Wahlrecht der afroamerikanischen Bevölkerung durchzusetzen. Fünfzig Jahre später erzählt Selma die Geschichte dieser Märsche erstmals im Kino.

Stevie Wonder sang einst, er verstehe nicht, dass es keinen Gedenktag für jemanden gebe, der im Kampf für das Gute gestorben war. (Der Martin Luther King Jr. Day wurde schließlich 1983 eingeführt und 2000 erstmals von allen US-Bundesstaaten begangen.) Und genauso sagte sich Ava DuVernay, es könne nicht wahr sein, dass King seit seiner Ermordung 1968 noch nie als Protagonist in einer großen Kinoproduktion zu sehen war. Das hat die Regisseurin nun geändert.

Selma ist großes amerikanisches Erzählkino, wie gemacht für die film awards season. DuVernay wurde damit zur ersten afroamerikanischen Filmemacherin, die für einen Golden Globe in der Regiekategorie nominiert wurde. Sie hätte zur ersten schwarzen Anwärterin auf einen Regie-Oscar werden können, schaffte es aber nicht auf die Liste der Nominierten, die ironischerweise an MLKs Geburtstag bekanntgegeben wurde. So weiß wie im Jahr nach Ferguson war diese Liste schon lange nicht mehr. Regie-Oscar: ausschließlich weiße Männer, Hauptdarsteller: ausschließlich weiß, Nebendarsteller: alle weiß, Haupt- und Nebendarstellerinnen: weiß. Man darf 2015 schon jetzt zum internationalen Jahr der Weißwurst küren.

Immerhin schaffte es Selma, unter anderem produziert von Oprah Winfrey, die auch eine Nebenrolle spielt, in die Best-Picture-Auswahl; als Trostpflaster gab es noch eine Nominierung für den Best Original Song, eine Kategorie, die John Legends und Commons »Glory« bei den Golden Globes bereits gewann. Common, in Selma ebenfalls in einer Nebenrolle zu sehen, rappt in »Glory« folgende Zeilen: »Hands to the Heavens, no man, no weapon … Every day women and men become legends / Sins that go against our skin become blessings.«

DuVernay zeigt ihren MLK vor allem als begnadeten Redner. Der Film springt im Grunde von einem gewaltigen David-Oyelowo-Monolog zum nächsten. (Auch Oyelowos schauspielerische Leistung wurde bei den Oscars nicht berücksichtigt. Der Brite hat sich zwar eigens für die Rolle moppelig gefressen, seine Figur weist allerdings keine schwerwiegenden Handicaps auf – außer dass sie schwarz ist.) Selma rückt aber auch die Strategie hinter den Protesten in den Fokus. Der gewaltlose Widerstand sucht sich keine weichen Ziele, sondern solche, bei denen mit erheblicher Gegenwehr zu rechnen ist.

Zwei Tote gab es im Umfeld der Selma-Märsche. DuVernay rechnet die Gewalt nicht gegen die mediale Aufmerksamkeit auf. Trotzdem macht sie deutlich, dass die Millionen Menschen vor ihren TV-Geräten, die das Geschehen des Bloody Sunday tatsächlich nicht live, sondern mit einigen Stunden Verspätung als Unterbrechung des Spielfilms Das Urteil von Nürnberg auf dem Sender ABC zu sehen bekamen, für einen entscheidenden Einschnitt im Kampf der Bürgerrechtsbewegung stehen. Auf symbolische Markierungen, etwa eine Anerkennung durch die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, muss die Bewegung auch fünfzig Jahre später noch warten.

Selma
USA 2014
Regie: Ava DuVernay
Mit David Oyelowo, Oprah Winfrey, Carmen Ejogo u. a.

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