S.C.U.M.

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   Wie Abschaum sieht das schnieke Londoner Quintett eigentlich nicht aus, und wie Sperma – so die alternative Bedeutung des Wortes scum im US-Slang – auch nicht. Bleibt als Bezug noch das Ende der 1960er Jahre entstandene S.C.U.M. Manifesto der verhinderten Warhol-Mörderin Valerie Solanas. Dem titelgebenden Akronym ihres radikalfeministischen Traktats, dessen satirischer Gehalt bis heute kontrovers diskutiert wird, schreibt man zu, dass es für Society For Cutting Up Men stehe; allerdings wird das Kurzwort im Manifest selbst zu keinem Zeitpunkt aufgelöst. Als scum bezeichnet Solanas auch keineswegs die Männerwelt, sondern die so selbstbewusst-egoistischen wie unmütterlichen »hateful violent bitches«, deren Augen nicht zu glänzen beginnen, wenn sie vollgekackte Babywindeln erblicken.

   Aber egal: Die vier Jungs und das eine Mädchen von S.C.U.M. sind jung, hungrig und schön. Man sieht ihnen an, dass sie viel zu lang vor dem Spiegel herumhübschen, gelangweilte Gesichtsausdrücke üben, und so soll es in der glitzernden Scheinwelt des Pop ja auch sein. Musikalisch arbeiten sie sich an einem weiteren Update der einsam vor sich hin leidenden, zugleich aber wütend-frustrierten Figur des von Teenage Angst getriebenen Jünglings mit der viel zu früh viel zu wunden Seele ab. Sänger Thomas Cohen windet sich und beklagt zum Stürmen und Drängen von Bassgitarre-Schlagzeug-Synths dies und das (die Liebe ist endlich, keiner versteht einen, die Jugend geht dahin – jetzt ist man schon 18, was soll da noch kommen? – usw.). Gern gibt er fünf Prisen des zum Cinemascope-Format aufgeblähten Sensibeltums zu viel in seine Weltschmerzsuppe.

   Bei allem Bums, den die treibende und immer wieder in chaotische Kontrollverlustmomente driftende Musik gottlob dabei hat, fühlt man sich darob bei Stücken wie Cast Into Seasons oder Paris, als stehe man in der Schlange vorm Suizidalitätsanmutungen verkaufenden Unterarmbandagen-Stand auf dem Leipziger Wave-und-Gotik-Treffen. Dabei machen sie es ja richtig: Lieber in der Blüte der Adoleszenz leiden als später. Zwar hat man möglicher weise erst dann einen Grund dazu – wenn das Hüpfen unter der Discokugel von der ächzenden Hüfte mit Schmerzsignalen quittiert wird oder die jungen Leute sich angewidert ihr verächtliches »Jetzt gehnse schon zum Sterben in die Disco« zuraunen –, allerdings sehen nur leidende junge Menschen ästhetisch wirklich überzeuged aus. S.C.U.M. machen also Musik für alle, die zu jung sind, um Joy Division, Echo And The Bunnymen, B-Movie, Editors und wie sie alle heißen noch live gesehen zu haben.

   Der Sänger mit seiner Brian-Molko-Stimmlage paart diese mit der Anliegensdringlichkeit der frühen U2 und der Hohlwangigkeit Peter Murphys, dem Mascara-Verbrauch Tokio Hotels und dem Mut zur Peinlichkeit eines Brett Anderson von Suede in der hyperprätentiösen Dog Man Star-Phase. Aber wie schon Popliterat Joachim Lottmann wusste, ist Peinlichkeit kein Argument gegen irgendwas, im Gegenteil: Sie ist ein Indikator für den Wert einer Sache. Nun denn: Diese jungen Leute stecken voller Kraft und ungestümer Energie. In die ein paar Nummern zu großen Gefühle, von denen sie singen, werden sie schon noch reinwachsen.

   Nachfolgend gibt es die Albumstücke Amber Hands und Summon the Sound im Stream zu hören. Die aktuelle Auskoppelung Whitechapel ist mit einem vom bekannten Künstlerehepaar Tom Noble  und Sue Webster gedrehten Video zu sehen. S.C.U.M Again Into Eyes ist am Freitag bei Mute / GoodToGo erschienen.

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VIDEO: S.C.U.M Whitechapel

STREAM: S.C.U.M Amber Hands

STREAM: S.C.U.M Summon The Sound

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