Scott Walker Bish Bosch

Scott Walker Bish Bosch
Scott Walker
Bish Bosch
4AD / Beggars Group / Indigo — 30.11.2012

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Scott Walker, der auf Solopfaden wandelnde Frontmann der Boygroup The Walker Brothers, legt mit Bish Bosch einen weiteren Silberling mit groovenden Uptempo-Nummern vor, die sich schon beim ersten Durchlauf in die Gehörgänge fräsen. 

   Okay, war Spaß. Also: Der schwerblütige Magus Noel Scott Engel, der in den 60er-Jahren tatsächlich in der für zahlreiche weibliche Ohnmachtsanfälle verantwortlichen Popband The Walker Brothers sang, um später während seiner Solokarriere zunehmend introvertierte, von Jacques Brel, Existenzialismus und moderner Kunst informierte Musik zu erschaffen, hat einen weiteren schroffen Klangmonolith errichtet, dem schwarzen Obelisken aus 2001: A Space Odyssey nicht unähnlich. Bish Bosch ist nach den Alben Tilt (1995) und The Drift (2006) das dritte Album der Nach-Pop-Phase. Als Tilt erschien, hörte man den Langzeitbewunderer Neil Hannon (The Divine Comedy) sagen, dass er ungefähr einmal im Jahr in der Stimmung sei, um das Album komplett zu hören. Und Plüsch-Crooner Marc Almond bemerkte lapidar: »Some songs would have been nice.« 

   Tja, veritable Lieder gibt es auch auf dem im Vergleich zum Vorgänger mit seinen opulenten Streichertexturen fast minimalistischen Bish Bosch nicht, und Melodien finden sich entweder nur im Puppenstadium oder in Form sedimentierter Erinnerungsfragmente – wenn Walker am Ende von »Epizootics!« (Video unten) zu Ukulelebegleitung kurz das 1937 von Bing Crosby zum Hit gemachte Harry-Owens-Lied »Sweet Leilani« anstimmt oder das Album mit einem kurzen Glockenspielzitat von »Jingle Bells« enden lässt. In gewisser Weise geht er den umgekehrten Blumfeld-Weg: Während die mit sperrigen Klängen und poststrukturalistischen Lektürefrüchten begannen und auf ihre alten Tage die Simplizität des Popsongs entdeckten, kehrt Walker immer entschlossener seiner früheren Hörerfreundlichkeit den Rücken – textlich und musikalisch. 

   Das Erstaunliche ist, wie gut es trotzdem funktionieren kann, wenn man sich darauf einlässt. Walker macht keine Antimusik, er will nichts zerstören, sondern neue Sound-Welten kartografieren. Wenn er das musikalische Spektrum durch den schwirrenden Klang riesiger Macheten, die er nach einigem Hin und Her schließlich doch mit ins Studio bringen durfte, über das Maß des Gewohnten dehnt (»Tar«), dann ist das nicht unbedingt neu, aber jederzeit spannend. Hier darf frei nach John Cage alles Instrument sein, vom antiken Widderhorn im Zungenbrechertitel »SDSS1416+13B (Zercon, A Flagpole Sitter)« über kratzende Meißel bis hin zum Darmausgang, der spacige, durch Effektgeräte bearbeitete Furzsounds hervorbringt (beides auf »Corps De Blah«).

   Walkers Texte sind von schmerzlich schönen wie verstörenden Sprachbildern durchzogen: Augen glitzern in der Dunkelheit wie frisch zerdrückte Fliegen (»Dimple«), und dem Schwanengesang werden Federn ausgerupft (»›See You Don’t Bump His Head‹«). Zugleich lässt Walker in ihnen seinem weiten Bildungshorizont in immer neuen Digressionen, aufpoppenden Referenzfenstern und allusiven Nerdismen die Zügel schießen. Bezüge zu Molekularbiologie, Astronomie, Religion, Diktatoren und allerlei entlegenem Wissen reichen einander die Hand, gern auch in einem Stück. Damit man den Überblick behält, hat Walker seinen im Booklet abgedruckten Texten hier und da erklärende Fußnoten beigefügt. Das ist zwar so Neue-Musik-prätentiös, dass man manchmal ein Kerkeling’sches »Hurz!« schreien möchte. Einmal im Jahr aber sollte man sich von dem Mann mit dem immer geisterhafter werdenden Bariton die Hörgewohnheiten dekonditionieren lassen. (Ein längeres Interview, das Max Dax mit Scott Walker in Paris führte, wird demnächst in SPEX zu lesen sein.)

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