Scott King

Er gestaltete Popmusik- und Modemagazine, entwarf Cover-Motive von Pet Shop Boys und Suicide und ist Fan von Joy Division. In München findet derzeit Scott Kings erste deutsche Einzelausstellung statt.

Scott King
Scott King: »Eine Phantasie, ich habe an sich nichts gegen die Vogue …«
(Foto: © Scott King)

Scott King wurde 1970 geboren, wuchs in einem kleinen Ort in der Nähe von Hull in Yorkshire auf und studierte Grafikdesign an der University of Hull. Nach Abschluss seines Studiums zog er nach London und wurde schließlich Art Director des wegweisenden, hervorragend gestalteten Popmusik- und Modemagazins i-D. Er lehrte am Londoner Camberwell College, später gestaltete er das Magazin Sleazenation, für dessen »Cher Guevara«-Cover der Februar-Ausgabe (2001) er später mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde: für das Cover brachte er Chers Gesicht mit Che Guevaras Mütze zusammen und manifestierte so seine Kritik an der Entwertung von politischen Symbolen.

    King wurde außerdem durch seine Cover-Designs für Pet Shop Boys, Morrissey und Suicide bekannt. Seit Mitte der neunziger Jahre tritt King verstärkt im Kunstkontext in Erscheinung, seine Arbeiten waren in Gruppenausstellungen unter anderem im New Yorker MoMA, den Berliner Kunstwerken oder im ICA in London zu sehen. In München findet derzeit Kings erste deutsche Einzelausstellung statt.

    Zwei Tage vor der Eröffnung sitzt Scott King mit beigen Desert Boots, einer weiten Bluejeans und in einem simplen, grauen Sweatshirt ohne Logo oder Aufdruck in einem Café am Odeonsplatz und trinkt ein Helles, obwohl er sich nach einem Trinkgelage am Vorabend im Schuhmann’s eigentlich mit dem Alkohol zurückhalten wollte.

Scott King
Ian Curtis, tanzend: drei bisher unveröffentlichte Negative fusioniert in einem Bild (rechte Wand).
»Pink Cher«: Coverdesign und Werbeästhetik (mittlere Wand)
(Foto: © Kunstverein München / Wilfried Petzi)

    Er redet über Joy Division, seine Leib- und Magenband, die er in der gemeinsamen Arbeit »Futurama« mit dem ehemaligen NME-Cheffotografen Kevin Cummins porträtiert hat, indem er drei unveröffentlichte Negative, die Ian Curtis tanzend zeigen, zu einem großen, magischen Wandgemälde verband.

    Kings gestalterische Tätigkeit für die oben erwähnten Magazine findet ihren Widerhall in »Pink Cher«, das in einem der Ausstellungsräume in einem grellen Rosa an der Wand prangt und mit Spraypistolen aufgetragen wurde, eine Variation des Sleazenation-Covers. »Mit Coverdesign und Werbeästhetiken kenne ich mich aus, deswegen benutze ich gerne ihre klaren, simplen, strahlenden Bildsprachen. Die einfachen Pantone-Farben nehmen mir außerdem die nicht zielführenden Gedankenspiele bezüglich der richtigen Farbauswahl ab«.

Scott King
»How I’d Sink American Vogue«: Das Medium Modemagazin mithilfe von Modemagazinästhetiken attackieren
(Foto: © Kunstverein München / Wilfried Petzi)

In Kings Münchener Ausstellung finden sich weitere Magazinarbeiten, so zum Beispiel eine Reihe von Covern für die amerikanische Vogue, »How I’d Sink American Vogue«. »Natürlich hat die amerikanische Vogue, die viel stilloser als die italienische oder französische Ausgabe ist, mich nicht gebeten, für sie Cover zu gestalten. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, dort Art Director zu sein und nach und nach das Magazin ins Verderben zu führen. Eine Phantasie, ich habe an sich nichts gegen dieses Magazin …«, lacht King, bestellt für uns das zweite Helle und schickt den Autoren zum Zigaretten holen; schließlich besitzt er keine deutsche EC-Karte. Die Vogue-Cover bedienen sich wie so viele von Kings Arbeiten einer viralen Strategie – das Medium Modemagazin wird mithilfe von Modemagazinästhetiken attackiert. Auf einer Frontseite wird dem Leser ein Gratis-Schuh im Heft versprochen, eine andere preist »6 Expert Tips On How To Get That Taliban Look This Summer« an oder bildet lediglich ein katastrophales Porträt von Tony Blairs Frau Cherie ab. Die »Special Anti-War Issue« schreit mit dicken, schwarzen Lettern »Kirsten Dunst Says Bombs Kill«.

    Wir kommen erneut auf Musik, King liebt Musik, nur hat sein »Musikgeschmack sich irgendwann nicht mehr weiterentwickelt. Joy Division, letztlich zählen nur Joy Division«, sagt er und entblößt ein Tattoo. »Love Will Tear Us Apart« steht dort auf der Innenseite eines seiner Unterarme. »Mir ist das heute natürlich peinlich. Jeder denkt, ich wäre jetzt erst, nach Corbijns »Control« auf den Zug aufgesprungen – leider liegt mir nicht mehr die Quittung des Tätowierers vor, so muss man mir einfach glauben, dass ich das schon vor Jahren habe machen lassen«, grinst er.

Scott King
»Stalky«: Eine traurige Gestalt – weit über 40, vom Alkohol gezeichnet und ständig auf Speed
(Foto: © Kunstverein München / Wilfried Petzi)

    Die Poster-Arbeit »Stalky« hätte ohne Kings Interesse für Musik und die Menschen aus seiner Heimat Yorkshire nicht entstehen können: »Stalky« ist eine Reihe von Postern in Punk-Ästhetik, wie sie heute noch überall zu sehen sind und die in der Ausstellung im Kunstverein wild an eine Wand geklebt wurden. Sie erzählen die Geschichte von Stalky, einem Punk. King: »In dem Ort, aus dem ich stamme, gibt es diesen Punk. Er glaubt noch immer an die Ideale von damals, um ihn herum tut das keiner mehr, alle sind arbeitslos und desillusioniert. Der Mann ist mittlerweile weit über 40 und leider eine traurige Gestalt: vom Alkohol gezeichnet und ständig auf Speed. In ›Stalky‹ versetzte ich mich in diesen Mann hinein, ich stelle mir vor, er würde versuchen, seine alte Band von damals wieder zusammenzubringen. Das Problem: Die alten Bandmitglieder sind mittlerweile Familienväter geworden und haben anderes zu tun als in einem stinkenden Proberaum Punk zu spielen. Sie müssen ihre Autos waschen oder die Hecken, die ihre Häuser umgeben, trimmen.« Mit jedem Poster wird dem Betrachter Stalkys Verfall deutlicher. Er beginnt seine Bandkollegen für alle sichtbar als Verräter zu bezeichnen, steht schließlich alleine da, macht ein Comeback in einer Goa-Trance-Disocreihe, die er nach und nach zu übernehmen versucht, um sie schließlich zu einem kompletten Punk-Abend zu machen.

    Am Ende des Gesprächs, King zahlt im Anschluss unsere insgesamt sechs Hellen, er muss schließlich noch weiter aufbauen, reden wir noch über den Titel der Ausstellung: »Ein Gag. Ein melancholischer Abgesang auf den Marxismus, das auch, aber auch ein Gag. Man stelle sich das mal vor. Eine marxistische Disco! Wie ernst und trist es da zugehen müsste. Eine im wahrsten Sinne des Wortes ›traurige‹ Veranstaltung. Deswegen wird sie auch im Voraus abgesagt …«.

Scott King »Marxist Disco (cancelled)«
23.02. – 13.04.2008 München – Kunstverein München

SPEX verlost 3×2 Eintrittskarten für die grandiose Ausstellung, eine E-Mail mit dem Betreff »Scott King« an redaktion @ spex.de genügt.

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