„Sci-Fi is reality, motherfuckers!“ – CTM Festival 2017 in der Rückblende

NON Worldwide / Foto: YOU / CTM

Unter dem Motto „Fear, Anger, Love“ ging die 18. Ausgabe eines der wichtigsten internationalen Festivals für elektronische und experimentelle Musik nach zehn Tagen zuende. Das Programm war genauso divers wie zeitlich kaum zu bewältigen. Laura Aha hat es trotzdem versucht. 

Tanya Tagaq stöhnt laut auf. Rhythmisch hechelt die junge Inuit-Frau im Takt des Schlagzeugs, während ihrer Kehle unwirkliche, animalische Laute entfahren. Sie kreist die Hüften, tanzt sich sinnlich in Ekstase und zelebriert sichtlich die eigene Weiblichkeit. Mit ihrer populären Adaption des Katajjaq, dem traditionellen Kehlkopfgesang der kanadischen Inuit, eröffnet die Performerin das diesjährige CTM Festival im Berliner Theater HAU1. Der Kontrast zwischen der offen zur Schau gestellten Sexualität und den tiefgrollenden Kehllauten löst beim Zuhören das unbehagliche Gefühl aus, einem intimen musikalischen Liebesakt beizuwohnen. Man ist befremdet und fasziniert zugleich – und damit schon mittendrin im diesjährigen CTM-Thema: dem musikalischen Spiel mit Emotionen.

„Fear, Anger, Love“ haben die Macher Jan Rohlf, Oliver Baurhenn und Remco Schuurbiers die 18. Ausgabe eines der wichtigsten deutschen Festivals für elektronische experimentelle Musik und Kunst überschrieben. Das zehntägige Programm ist wie in jedem Jahr nicht zu bewältigen: drei thematische Installationen, tägliche Workshops, Panels und Artists Talks und ein gigantisches Abendprogramm aus Konzerten, Performances und Partys an zwölf verschiedenen Berliner Spielorten versetzen einen schon beim Blick ins Programmheft in einen Überforderungszustand – und der ist Teil des Festivalkonzepts: Es geht darum, Grenzen zu erforschen, nicht nur musikalisch, politisch und gesellschaftlich, sondern auch die der eigenen geistigen Kapazität. Spätestens am dritten Tag gibt man es auf, sich einen Plan zu machen und lässt sich in einem rauschartigen Deliriumszustand einfach treiben.

Tanya Tagaq / Foto: YOU / CTM

Als Spiegel gesellschaftlicher Ist-Zustände zeigte sich das CTM-Festival in diesem Jahr äußerst politisch. Wenn man bedenkt, dass das Thema schon lange feststand, bevor Entwicklungen wie der Brexit oder Trump absehbar waren, erscheint die Aktualität fast prophetisch. Es geht um Musik als Emotion: einerseits als Ausdruck individueller Emotionen des Künstlers, andererseits als Auslöser und Manipulator kollektiver Emotionen beim Publikum. Über allem steht die Frage: Wie reagieren Künstler auf eine Gegenwart, in der politische Ideologien immer emotionaler verhandelt und konstruktive Lösungsansätze durch die Vorherrschaft „gefühlter Wahrheiten“ unmöglich scheinen? Der emotionale Dreiklang aus Angst, Wut und Liebe ist dabei wohl für die meisten von uns eine mittlerweile vertraute Reaktion, wenn man morgens die Zeitung aufschlägt. Wobei die Liebe zugegebenermaßen meistens zu kurz kommt – wie auch im Programm des CTM.

Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität und die Wut über die Kolonialisierung und Ausbeutung der eigenen Kultur treiben Kehlkopfsängerin und Aktivistin Tanya Tagaq an, die uralte Tradition ihrer Vorfahren weiterzutragen. Mit ihrer Musik verschafft sie einer marginalisierten Gruppe Gehör, über die diesseits des Atlantiks meist nur im Zusammenhang mit dem kurzsichtigen Verbot der Jagd auf niedliche Robbenbabys diskutiert wird – ein von Tierschützern (und Paul McCartney) eingefordertes Verbot, dass sich moralisch richtig anfühlt, die vom Fang lebenden Inuit aber in eine existenzielle Krise stürzt. Das Anliegen des CTM-Festivals, der eigenen Filterblase zu entkommen und Realitäten jenseits des persönlichen Erfahrungsbereichs zu begreifen geht bereits im Eröffnungskonzert voll auf.

NON Worldwide / Foto: YOU / CTM

Wütend ist auch Camae Ayewa alias Moor Mother, die mit ihrem fragmentarischen Raps über zerhackten Industrialbeats der sichtlich zurückweichenden Menge bei ihrem ersten Deutschlandkonzert im Berghain ordentlich den Kopf wäscht. „Slave Punk“ nennt die afroamerikanische Künstlerin das apokalyptische Inferno aus hinausgeschrienen Rap-Klagegesängen, mit denen sie die blutige Geschichte der versklavten Afroamerikaner schonungslos nacherzählt: „I’ve been bleeding since 1866, dragged my bloody self to 1919 and bled through the summer being slaughtered by whites.“ Es geht um Konfrontation: „You’re all watching!“, prangert sie an. Und während man noch das eigene, unverdient erworbene Privileg der hellen Hautfarbe hinterfragt, fasst sie in einem einzigen Ausruf das indifferente Gefühl zum unwirklichen Zeitgeschehen zusammen: „Sci-Fi is reality, motherfuckers!“

Dieser dystopischen Gegenwart eine positive Utopie entgegensetzen, das hatte sich das Kollektiv NON-Worldwide vorgenommen. Vor zwei Jahren gründete der südafrikanische, queere Performance-Künstler Angel-Ho gemeinsam mit DJ Nkisi und Chino Amobi das Kollektiv aus afrikanischen und afrodiasporischen Künstlern, die gemeinsam für einen „independent digital nation state“ einstehen, der das Konzept nationaler Grenzen ablöst. Beim CTM präsentierte das Kollektiv erstmals „The Great Disappointment“, eine Mischung aus Tanztheater, Musical-Persiflage und musikalischer Clubabstraktion, die eigentlich die post-globalisierte Welt feiern wollte. Letztendlich ließ sich aus der kryptischen Aneinanderreihung von popmusikalischen Referenzen und theatralen Tanzeinlagen, die im kollektiven Polizeiübergriff endeten, vor allem eben die große Enttäuschung darüber ablesen, dass wir längst nicht alle Grenzen im Kopf überwunden haben – trotz Angel-Hos zauberhaft bizarrer Interpretation von Mariah Careys „We Belong Together“.

Eine Art persönlicher Grenzüberschreitung zeigt die Performance von Throbbing Gristle-Gründerin und Gesamtkunstwerk Genesis Breyer P-Orridge. Gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Lady Jaye verfolgte sie seit den Neunziherjahren die schrittweise Angleichung ihrer beiden Körper durch operative Eingriffe zu einem „pandrogynen“ geschlechtsüberwindenden Zwillingswesens. Tragischerweise verstab Lady Jaye 2007 überraschend, sodass Genesis Breyer P-Orridge als unvollständige Hälfte zurückblieb.

Das CTM-Festival zeigte die Dokumentation „Bight of the Twin“, für die P-Orridge in eine Region des westafrikanischen Landes Benin reiste, in der auffällig viele Zwillinge geboren und kultisch verehrt werden. Stirbt dort ein Teil des Zwillingspaars, wird dessen Seele durch einen Voodoo-Ritus auf eine kleine Holzpuppe übertragen, die der vereinsamte Zwilling fortan mit sich herumträgt. So also auch P-Orrdige, die mit reichlich Hühnerblut, Rum und Feuerritualen ihre Lady Jaye als Puppe in einem Ledersäckchen konservierte. Sie baumelt bei der anschließenden musikalischen Lesung mit Noise-Musiker Aaron Dilloway von ihrem Mikroständer. Die bizarre Szene war definitiv einer der Festival-Höhepunkte und vielleicht der erste tatsächliche Ausdruck von Liebe, die sogar die Grenzen des Todes überschreitet. Man blieb wieder einmal befremdet, doch gleichzeitig voller Sympathie für die sehr menschlich gewordene Kunstfigur Genesis Breyer P-Orridge zurück.

„Wenn man politisch über Liebe nachdenkt, muss man differenzieren zwischen denen, die nur die Menschen lieben, die so sind wie sie – und denen, die auch diejenigen zu lieben bereit sind, die anders sind“, brachte CTM-Mitgründer Jan Rohlf in einem Interview mit der taz die Bedeutung der Liebe im Programm auf den Punkt. Auch wenn das CTM-Festival natürlich keine Antworten auf die drängenden Fragen und Missstände unserer manchmal so unwirklich scheinenden Realität liefern kann, so eröffnet es wenigstens einen Raum, der zur Konfrontation mit fremden Lebenswirklichkeiten zwingt und aus der eigenen Komfortzone herausreißt. Wenn Angst zum Motor künstlerischen Schaffens wird und Wut hilft, diese Angst produktiv zu überwinden, wäre in einer idealen Welt die gegenseitige Akzeptanz als politische Form von Liebe wohl die Lösung. Das CTM-Festival ist der Versuch, diese Utopie für zehn Tage gefühlte Wirklichkeit werden zu lassen.

Ausführliche Features zu Moor Mother und Chino Amobi sind in den Printausgaben SPEX No. 372 und SPEX No. 369 erschienen. Die Hefte können nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden. Ein Interview mit Genesis Breyer P-Orridge ist hier zu lesen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here