School Of Seven Bells »SVIIB« / Review

Nach dem Leukämie-Tod von Benjamin Curtis gab es für Alejandra Deheza nur ein Zukunftsszenario: weiter Musik machen. Aber wie?

Als Benjamin Curtis und Alejandra Deheza im Sommer 2012 kurz nach ihrer Trennung mit der Arbeit an diesem Album begannen, ahnten sie nicht, dass die Zeit knapp würde. Curtis erkrankte fast ein Jahr später an einer seltenen Art von Leukämie und starb im Dezember 2013, mit 35 Jahren. Er und Deheza hatten ein gemeinsames Jahrzehnt in New York verbracht, erst als Freunde, dann als Paar, dann als Ex-Lover, immer jedoch als seelenverwandte Musiker.

Deheza konnte sich nicht vorstellen, die Platte allein zu Ende zu bringen. So schien Curtis’ Vermächtnis der von Joey Ramone kurz vor dessen Tod auf dem Krankenbett geschriebenem Song »I Got Knocked Down (But I’ll Get Up)« zu sein, den Curtis ebenfalls kurz vor seinem Tod auf dem Krankenbett in einer epochalen Version coverte. Dehaza veröffentlichte sie 2014. Das Video dazu zeigt sie allein im Joshua-Tree-Nationalpark in der Wüste, in Einspielern sieht man Curtis bei Konzerten. Der Film brach nicht nur Fans das Herz.

Es scheint, als hätten sich School Of Seven Bells vom Shoegazing emanzipiert.

Für Alejandra Deheza war klar, dass sie weiter Musik machen wollte, nur wie? Sie floh nach Los Angeles, doch die unfertigen Songs verfolgten sie. Also fasste sie sich ein Herz und holte den Bassisten und Produzenten Justin Meldal-Johnsen ins Boot, der unter anderem mit Beck und Nine Inch Nails gearbeitet hat. Eine gute Wahl: Deheza und er haben aus den Songskizzen ein energetisches Werk geschaffen, mit Bassläufen, für die Ex-New-Order Peter Hook heute seine Familie verkaufen würde. Im Opener »Ablaze« beschreibt Deheza, wie sie Curtis 2004 kennenlernte, als sie mit ihrer Band On!Air!Library! auf Tour war, gemeinsam mit Interpol und Secret Machines, bei denen Benjamin Curtis spielte. Das folgende »On My Heart« ist schon abgeklärter (»There was a you before me / There was a me before you«), und ein Song wie »Elias« fordert schließlich, man solle wieder klarkommen und Spaß haben.

Es scheint, als hätten sich School Of Seven Bells mit dieser Platte vom Shoegazing emanzipiert. SVIIB ist straighter, aber auch düsterer als das bisherige Werk und gemahnt manchmal an Dehezas musikalische Initialzündung Front 242. Das genialste Lied der Platte jedoch, die Ballade »Confusion«, erinnert eher an Robert Wyatt und David Bowie. Deheza singt, fast zittrig: »Confusion weighs so heavy / And I understand nothing of these changes.« Danach heißt es im letzten Song »This Is Our Time« altersweise: »These are the kisses that burn on our lips anytime / Our time is indestructable.« Schon seltsam: Eine Platte, die entstand, als man sich gerade getrennt hatte, wird zum liebevollen Vermächtnis. Traurig, aber toll.

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