„Schon schön damals“ – The Notwist live in Leipzig in der Rückblende

Foto: Steffen Kolberg

Leipzig kann gar nicht genug kriegen: Nach den drei ausverkauften Shows Ende 2015 spielen The Notwist vergangenen Montag ein weiteres Mal vor vollem Haus – das versinkt dabei in Erinnerungen an eine kollektive Indie-Jugend.

Dem Leipziger Conne Island reicht an diesem Abend Fanpost als Ankündigung. Darin beschreibt eine unbekannte Person, wie sie als Jugendliche in Süddeutschland immer mit dem Rad zum Reiten fuhr und dabei The Notwists siebtes Album The Devil, You + Me hörte. Der Text endet mit, nun ja, unverfälschter Freude: „Und wie cool und verrückt ist das denn, dass ihr nach den hammermäßigen Auftritten im UT Connewitz jetzt schon wieder in Leipzig spielt!!!!!!!!!!!! OHMEINGOTT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“, heißt es wörtlich. Die Bayern hatten bereits 2015 drei aufeinanderfolgende Shows im benachbarten UT Connewitz restlos gefüllt und die Abende zu dem Livealbum Superheroes, Ghostvillains + Stuff verwurstet. In Leipzig bekommt man offenbar trotzdem nicht genug: Auch dieses Konzert ist bereits seit Wochen ausverkauft.

Oder anders gesagt: Es besteht Anlass zur Sorge um den Altersdurchschnitt des Leipziger Publikums. Besagte Person mit der bedenklichen Affinität für Ausrufezeichen gehört an diesem Abend nämlich zu den Jüngsten, schließlich erschien The Devil, You + Me erst 2008. Die Mehrheit der Besucher hat die Dreißig hingegen längst überschritten – der Hype um Neon Golden von 2002 lässt grüßen. Sie alle eint jedoch ein Ziel: das Schwelgen in Erinnerungen. An die schöne Indie-Jugend und an Zeiten, in denen alles noch weniger kompliziert schien und Bands noch Bands waren – und nicht nur Gestalten vor Laptops. Typen wie das Duo 1115: Gesignt auf Alien Transistor, dem hauseigenen Label der Weilheim-Connection, fummeln sie an Laptop, Sampler und Loopmaschine herum und projizieren dazu revolutionsrote Rebellionsvideos an die Wand.

Doch auch The Notwist treffen mit ihren Live-Interpretationen den elektronischen Nerv der Zeit, bauen „Run Run Run“ zu einem Vibraphon-basierten Dance-Track aus, betten „Pilot“ in Dub ein, bevor auch daraus ein technoides Tanzstück wird. Diese Variationen kennt man zwar schon von besagtem Livealbum, doch ist es trotzdem eine Freude, diesen sechs Menschen auf der Bühne bei der Interaktion zuzusehen. Besonders dann, wenn „This Room“ in Gitarrengewitter aufgeht. Was The Notwist schon immer von gewöhnlichen Indie-Bands unterschied, gilt eigentlich als Disqualifikationgrund: die Professionalität der Bandmitglieder. Wenn Karl Ivar Refseth nach allen Regeln der Kunst das Vibraphon bearbeitet oder Cico Beck sein Glockenarrangement über den vor ihm stehenden Tisch kratzt, weht ein Hauch von Jazzclub durch den Raum.

Als die Band als erste Zugabe dann in der Neunziger-Krachkiste kramt und darauf eine schrammelige Version von „Gravity“ folgen lässt, lassen sich einige Besucher zum verhaltenen Pogo hinreißen – wie damals halt. Bis man zu einer besonders gefühligen Version von „Consequence“ und dem obligatorischen „Gone Gone Gone“ zum Schluss wieder ins Schwelgen gerät.

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