Sarah Neufeld »The Ridge« / Review

Balanceakt zwischen patternhaftem Stoizismus und Langatmigkeit.

Streicher sind eines der wenigen Orchesterinstrumente, die in der Popmusik nicht ungewöhnlich sind. Sie tauchen konstant und nicht mehr nur als zähe Untermalung der obligaten Ballade eines Major-Popalbums vor der Jahrtausendwende auf. Klassisch arrangiert etwa in Songs von »Eleanor Rigby« bis zur grandiosen Streicher-Sextett-Version von PJ Harveys »Man Size«, als scharfkantige Sequenzen in großen HipHop-Beats oder als flirrender, atonaler Feedback-Ersatz wie John Cales Bratsche in »Venus In Furs« von The Velvet Underground.

Selten ist die Geige allerdings Hauptakteurin auf einem Popalbum. Sarah Neufeld, bekannt vor allem als Violinistin bei Arcade Fire und dem Bell Orchestre, legt mit ihrem zweiten Soloalbum The Ridge erneut ein um die Geige herum gesponnenes Popwerk vor, das aber titelgetreu auf dem Grat zur Neoklassik wankt. Wenn ihre von Saxofonist Colin Stetson sowie Elektromusiker Tim Hecker und Arcade-Fire-Schlagzeuger Jeremy Gara sparsam instrumentierten Etüden die Balance dieses Wechselspiels halten, sind das ziemlich erhellende Momente. Etwa im Stück »A Long Awaited Scar«, das auf einer Irish-Folk-Harmonie aufbaut, sich aber rhythmisch keine Ausreißer und emotional keine Euphorie erlaubt, sondern patternhaft stoisch bleibt, während ab und an ein jazziges Schlagzeug mit dem Klang eines Autounfalls dazwischenkracht. Manchmal verliert sich dieses Gleichgewicht auch, dann wirken die Melodien zu einfach und die Rhythmen langatmig. Manchmal beladen Neufelds wortlose und an Katie Stelmanis und Zola Jesus erinnernden Gesänge die Musik mit unnötiger Bedeutungsschwere.

Ein um die Geige herum gesponnenes Popwerk, das aber titelgetreu auf dem Grat zur Neoklassik wankt.

Schon zu Beginn ihrer Solokarriere bezog sich Neufeld auf Steve Reich und die Minimal Music. Die Strukturstrenge dieser klassischen Vorläuferform von Techno dominiert auch auf The Ridge, doch Neufeld lässt hier Popästhetik noch dominanter einfließen. Sie schafft es, zwei musikalische Prinzipien zu vereinen, die bisher eher selten zueinanderfanden: In der Soundästhetik, diesem Klang, der von großen Räumen ins Trockene wandert, und in der Dynamik, die ebenso anschwellen wie absinken darf, ist Neufeld dem atmenden Prinzip der klassischen Interpretation verschrieben; in ihren Loop-haften Kompositionen, in den Beats und Bässen, die ihre Stücke erden und verorten, bleibt sie aber der metrischen Verbindlichkeit des Poprasters treu. Damit umgeht Neufeld das aufgeblähte Pathos eines Woodkid, schafft es aber dennoch, der unterkühlten Ästhetik eine neue Herzigkeit zu geben: The Ridge ist die erwärmte Version zeitgenössischer Minimal Music.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here