Samuel Kerridge Always Offended Never Ashamed

Bricht das Fließen des Techno-Grooves auf Always Offended Never Ashamed mit brachialem Lärm: Samuel Kerridge

Die erste Generation der Londoner Technoszene war alles andere als puristisch. Deftige Beats und verspielter Pop waren kein Widerspruch. In anderen britischen Städten wurde Techno dagegen besonders von der Postpunk- und Industrial-Szene angenommen. Letztere erwies sich als die mit dem längeren Atem. Sie impfte dem exzessiven Feiern Nihilismus und existenzielle Bedingungslosigkeit ein. Besonders das von Karl O’Connor alias Regis betriebene Label Downwards dachte bei aller Techno-Euphorie die Kompromisslosigkeit von Throbbing Gristle, die Schroffheit des Situationismus und die Tristesse und postindustrielle Leere von O’Connors Heimatstadt Birmingham mit. Heute ist O’Connor hauptsächlich als Mentor aktiv, er hat einflussreichen Acts wie Silent Servant oder Function zu selten gehörter musikalischer Schärfe und zu beachtlichen Karrieren verholfen. Sein neuester Zögling heißt Samuel Kerridge.

Kerridge ist in einer anderen englischen Ex-Industriestadt aufgewachsen, in Manchester. Seine Eltern nahmen ihn als kleines Kind in den späten Achtzigern mit auf die ersten Raves. Deren Naivität ist in Kerridges Musik nicht mehr spürbar. War für O’Connor die Musik von Throbbing Gristle der wesentliche Bezugspunkt, sind das für Kerridge die unberechenbaren Drones von Sunn O))) oder der Neo-Industrial von The Haxan Cloak. Techno zielt auf Dynamisierung, es geht darum, schwere Klanggebilde in Bewegung zu versetzen. Bei Kerridge fügen sich die Klänge nicht diesem Imperativ, er bricht das Fließen der Techno-Grooves mit brachialem Lärm. So entsteht eine Beziehung von Bewegung und Stillstand, von Form und Formlosem, von Party und Einsamkeit.

Kerridge produziert seit vielen Jahren Musik, doch seine Karriere begann erst, als er 2011 mit seiner Frau nach Berlin zog und sich daran störte, dass die dortige Clubszene kaum Abweichungen von gradlinigem House und Techno zuließ. Mit Contort lancierte das Paar eine zunehmend einflussreiche Veranstaltungsreihe, die sich jenseits dieser Formate bewegte, ohne dabei in die Beliebigkeit experimenteller elektronischer Musik abzudriften. Kerridges zweites Album erscheint nicht mehr auf O’Connors Label, sondern auf seinem eigenen. Die freigestellten, breiten Synthesizer-Riffs und die unregelmäßigen Bassstöße klingen nur im ersten Moment martialisch. Im Gegensatz zum Vorgänger haben sich die technoiden Strukturen völlig in autarken, freistehenden Klängen aufgelöst. Die feingliedrige soziale Textur des Dancefloors hat einer zerrissenen, unüberschaubaren Schluchtenlandschaft Platz gemacht.

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