Rustie Green Language

Geschmacksghettos eingerissen, Maximalismus etabliert. Und jetzt findet Rustie auf seinem neuen Album Green Language sogar die passende Dramaturgie dazu.

Rustie ist ein ziemlich britisches Phänomen. Sein Ansatz, Clubmusik und Rock zusammenzudenken, passt eher noch zu elektronischen Acts aus den USA wie Lazer Sword oder Skrillex als zum puristischen Berliner Berghain-Techno oder zum hiesigen Dance-Pop von Fritz Kalkbrenner und Alle Farben. Die Erscheinung des notorisch milchgesichtigen, schüchternen Schotten steht im größtmöglichen Gegensatz zu seiner Musik. Noch mehr als auf seinen Maxis und seinem Debütalbum, Glass Swords von 2011, bringt Rustie seinen Ansatz im Essential Mix für BBC Radio 1 auf den Punkt. In knapp zwei Stunden montiert er mehr als 60 Stücke: Progrock-Gitarrengegniedel, das an Dubstep-Grooves aufgehängt ist, Trance-Flächen zum Feuerzeug-in-die-Höhe-Halten, basslastigen Südstaaten-Rap, die irrwitzigen, plastikartigen Stimmen des britischen Rave-Sounds der frühen Neunziger, »Harlem Shake«, einen hochgepitchten Kanye-West-Mix einer aktuellen R’n’B-Nummer … und einen alten Hit von Destiny’s Child. Kritiker rieten zum Konsum in kontrollierten Dosen: Rusties Fusion-Sound galt als spektakulär, neuartig und überaus signifikant für die Zeit. Aber als schwer zu ertragen.

Weniger ist mehr – so könnte man die Grundidee elektronischer Tanzmusik charakterisieren. Kaum jemand hat dieses Prinzip radikaler negiert als Rustie. In jedem Sound ist ein popgeschichtlicher Kosmos aufgehoben, und Rustie versäumt es nicht, ihn abzufeiern, egal ob es der HipHop seiner Teenagerzeit ist, Trance und Dubstep aus dem Nachtleben oder seine persönlichen, nerdigen Entdeckungen. Die Gitarrenspuren, die er selbst einspielt, zelebrieren den Jazzgitarristen Allan Holdsworth, der in den Achtzigern mit seinem Instrument Synthesizer ansteuerte und von Eddie Van Halen und Frank Zappa geschätzt wurde. Daft Punk sind Rusties große Mentoren. Sie haben gezeigt, dass man als Produzent von Clubmusik über deren Rahmen hinausgehen und im Prinzip die gesamte Musikgeschichte integrieren kann.

Rustie wurde in der Afterhour-Szene von Glasgow sozialisiert, die wichtiger ist als die eigentlichen Partys, denn die Clubs der Stadt müssen um drei Uhr morgens schließen. Es gibt dort keine musikalische Generallinie. Rusties Ansatz ist insofern keine Kopfgeburt, eher eine Synthese unterschiedlicher Erfahrungen, die einander aber nicht ablösen, sondern übereinandergeschichtet werden. Dass man Raver wurde, bedeutet nicht, dass man die Led-Zeppelin- oder Yes-Platten der Eltern vergisst; nur weil man auf die anspruchsvolle Electronica von Boards Of Canada steht, muss man noch lange nicht seine Trance-Vergangenheit verleugnen. Das war vielleicht der Hauptgrund, warum Rusties Musik 2011 so einschlug: Sie ist ein Manifest gegen Geschmacksghettos. Sie kennt keine Grenzen von Underground und Mainstream, von Seriösem und Anrüchigem, von Coolem und Peinlichem.

Zusammen mit Künstlern wie seinem Glasgower Buddy Hudson Mohawke und Flying Lotus wurde auf Rustie ein musikjournalistischer Hype gemünzt: der Maximalismus. »Es gibt verdammt viel Input«, schrieb Simon Reynolds 2011 in einem Pitchfork-Essay unter der Überschrift Maximal Nation. »Diese Musik blendet so sehr, dass sie sämtliche Schatten verscheucht. Es geht um totales Wachsein, um groteske Euphorie: Es gibt keine Balance zwischen dem Sublimen und Lächerlichen, sie werden gemischt, bis sie untrennbar sind.« Maximalismus wurde nicht zum game changer in der elektronischen Musik. Zwar hat der Trend den aktuellen Boom von vokallastiger, melodiöser Musik von Acts wie Dixon, DJ Koze oder Tale Of Us vorbereitet. Doch die orientieren sich eher an gängigen Songformaten. Auch Rustie entdeckt nun die Stimmen. Sein Debütalbum klang, als würde man alle Gänge eines Menüs gleichzeitig auftischen. Auf Green Language gelingt Rustie nicht weniger, als den multiplen Modus hinter sich zu lassen.

Gleich zwei aufeinander folgende Intros stecken den epischen Rahmen des Albums ab. Im nächsten Moment wird man von einem autistischen Gabba-Groove auf den Dancefloor gescheucht. Die Flächen sind hymnisch wie die eines großen Trance-Hits, aber doch so ungreifbar und opak wie die Musik von Rusties Labelkollegen bei Warp. Der Wahnsinn ist noch da, aber er ist jetzt Teil einer Dramaturgie. Mehrstimmige Xylofone gestatten eine Verschnaufpause, dann beginnt der zweite Akt mit einer Reihe von Rappern, unter anderem Danny Brown, Gorgeous Children und Redinho. Sie erden Rusties irrwitzige Klänge, geben ihnen eine Funktion. Bei »Up Down« mit D Double E taucht das Papageiengezwitscher aus 808-States Chill-out-Klassiker »Pacific State« auf. Aber es klingt nicht mehr nach tropischem Sonnenuntergang, sondern düster, mahnend.

Rustie setzt seine ekstatischen Klänge an die Stelle der gleißenden, breiten, tendenziell kitschigen Melodien des aktuellen US-amerikanischen HipHop. Rustie und die Rapper – beide füllen jeweils den blinden Fleck beim anderen aus. Die Rapper geben Rusties ruhelosem Bewusstsein ein Zentrum, ein Ich. Und Rustie sorgt dafür, dass ihre Party nicht nur leere Behauptung bleibt.

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