Rückblende: Arcade Fire in Köln

Foto: Anton Corbijn

„We Used To Wait“: Fast vier Jahre Kreativpause sind vergangen, bis sich Arcade Fire mit neuen Songs zurückmeldeten. Vergangenen Freitag spielte die Band ein ausverkauftes Open-Air-Konzert in Köln. Auch dort musste man ein wenig Wartezeit in Kauf nehmen, wurde dafür aber belohnt – SPEX war vor Ort.

Die Schlange vor dem Tanzbrunnen kommt nur langsam voran. Was man währenddessen so mitkriegt: Für den Gig haben sich selbst Fans aus Frankreich Urlaub genommen, hier und da wird das erst am Morgen veröffentlichte Video zum neuen Song „Creature Comfort“ schon diskutiert. Einige erinnern sich sogar an das Kölner Konzert 2005 im nicht weit entfernten Gebäude 9. Damals hatte noch keiner gedacht, dass sich Bono und Ben Stiller für diese Band mal alberne Masken überstülpen würden.

Nach einem überzeugenden Auftakt der kolumbianischen Gruppe Bomba Estéreo, die verspielt durch Psychedelic und Tropenfolk schlittert, die nächste Wartephase: Vom Band läuft Musik von den Talking Heads, David Bowie und Abba. Allesamt Ikonen, mit denen Arcade Fire vertraut sind: Die Band um David Byrne haben die Kanadier schon einmal gecovert, mit David Bowie spielten Arcade Fire sogar live und das Abba-Piano kollaboriert mit einer Panflöte in der aktuellen Single „Everything now“. Mit der eröffnen Arcade Fire ihre rund eineinhalbstündige Show.

Win Butler begrüßt die rund 12.000 Zuschauer mit schwarzem Wanderhut, er und weitere Musiker tragen Baseballjacken mit den Initialen von „Everything Now“, die es leider nicht beim Merchandise-Stand gibt. Der Fokus liegt an diesem Abend aber nicht auf dem demnächst erscheinenden gleichnamigen Album. Stattdessen gibt es ein Best-of der bisherigen Werke. Pathospop par excellence also.

Die Highlights des Debüts lassen nicht lange auf sich warten: Auf das pompöse „Rebellion (Lies)“ folgt das verspielte „Haiti“, in dem Régine Chassagne die Flucht ihrer Familie aus jenem Land besingt. Anschließend schnallt sich das Kollektiv für das epische „No Cars Go“ das Akkordeon um, blättert in der vor einem Jahrzehnt erschienenen „Neon Bible“ und spielt den Antikriegssong „Windowsill“. Womöglich gar ein Seitenhieb auf Trump: Die Zeile „I don’t want to live in America no more“ singt Butler gleich mit gefühlt doppelter Inbrunst.

Auch Album Nummer drei darf auf der Setlist nicht fehlen. Butler begibt sich an ein gespiegeltes Klavier und spielt den Titeltrack des 2010 erschienenen The Suburbs, für das die Band einen Grammy erhielt. Nach den Vororts- und Neon-Bible-Kapiteln ist die Welt nun aber nicht mehr Amerika, sondern eine Diskokugel. Bei Arcade Fire ballt eine Hand eben schon die Faust, während die andere noch Tränen wegwischt. Die Band stimmt „Reflektor“ an, gleitet flüssig in „Afterlife“ über und hat auch danach noch genug Hymnen parat. Die Show ist dramaturgisch fehlerfrei und fast eine Spur risikoscheu.

Im letzten Drittel dann noch zwei neue Songs: Die schrillen Synthesizer des besagten „Creature Comfort“ fungieren heute als Kontrastfolie zum etwas später anschließenden Gitarrenrock von „Neighborhood #3“. Nach 16 Songs gibt es mit „Wake Up“ das Finale. – dann doch noch einmal warten. Denn die verschwitzte Pilgerschaft will nicht gehen, übt sich wieder in Geduld, stimmt Chöre an. Dann kommen Chassagne und Butler tatsächlich erneut auf die bereits halbleere Bühne: Sie schmeißt Handküsse und pinke Drumsticks ins Publikum, er spricht in ein Megaphon, das wohl leider den Geist aufgegeben hat. Was er wohl sagen wollte? Welches ist jetzt das bis dato krasseste Album? Kann man diese geilen Baseballjacken irgendwann kaufen? Und wie oft haben die sich eigentlich an den Instrumenten abgewechselt? Ob Bowie im Pophimmel wohl gerade gelächelt hat? So viele Fragen. Nur eins ist klar: Wenn Stadionrock fortan wie diese Band klingen würde, wäre die Welt ein besserer Ort.

Nachtrag: Samstagabend entschuldigten sich Arcade Fire auf Facebook dafür, dass es in Köln keine Zugabe gab. Es hätte an den Auflagen der Venue gelegen. Wie könnte man an den Worten dieser Band zweifeln?

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