Richard Dawson »The Magic Bridge« & »The Glass Trunk« / Review

Dawsons Lieder sind so durchscheinend, dass manchmal in Summe mehr Stille zu hören ist als Klang. Doch in dieser Nacktheit bewahren sie sich alles: Abgrund, Unergründlichkeit, Mysterium.

Was für ein Auftakt. Bis Minute 1:06 zählt man ganze 21 einzeln scheppernde Gitarrensaiten und drei schlapp geschlagene Miniakkorde. So beginnt The Magic Bridge (Coverartwork unten), ein 2011 erstmals in kleiner Stückzahl erschienenes, jetzt neu aufgelegtes Werk von Richard Dawson. Es ist der bisher heißeste Anwärter auf den ereignislosesten Albumanfang des dritten Jahrtausends nach Christus. Nichts deutet darauf hin, dass gleich jemand die Welt aus den Angeln hebt.

Im zweiten Stück hört man neben dem unorthodoxen Geklampfe auch eine Stimme. Zwischen kurz vor letztem Atemzug und Höhlenmenschenurgewalt schwankend stimmt sie eine Moritat an, die mit einem Raubüberfall mondgesichtiger Vagabunden auf das lyrische Ich einsetzt und an ihrem Höhepunkt den großen schwarzen Himmelshund anheult, der das ganze Erdenrund einpisst und vollschlabbert. Wie aus dieser Beschwörung finsterer Quälgeister letztlich noch ein Liebeslied wird, in dem durch all den Morast des Daseins das warme Licht der Hoffnung scheint, das bleibt eines der Geheimnisse des Richard Dawson.

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Dabei liegt jederzeit alles offen zutage. Eine Gitarre, eine Stimme, sonst nichts. Dawsons Lieder sind so durchscheinend, dass manchmal in Summe mehr Stille zu hören ist als Klang. Doch in dieser Nacktheit bewahren sie sich alles: Abgrund, Unergründlichkeit, Mysterium. Ihr Schöpfer ist der Typ Rumpelstilzchen in Flanellhemd, untersetzt, kurzhalsig, eine geschrumpfte, elektrisch verstärkte Akustikgitarre unter den Arm geklemmt. Er stammt aus der nordenglischen Stadt Newcastle upon Tyne, kolportiert werden außerdem eine seltene Augenkrankheit sowie eine Karriere als Hilfskraft in lokalen Pubs und Plattenläden. In seiner Freizeit fertigt Dawson farbenfrohe Collagen als Geburtstagsgeschenke für Freunde, zeichnet alkoholkranke Hasen und kümmert sich um seine Spezialgebiete: das Zertrümmern herkömmlicher Gitarrenspiel- und Gesangstechnik sowie das Ausbrüten von Folksongs über die Selbstquälerei der Jugend von heute oder die Fremdquälerei alter Gäule.

Das mit der Selbstquälerei brachte Dawson in »The Vile Stuff« zur Vollendung, dem 16-Minuten-Megahit seines 2014 erschienenen Albums Nothing Important; das mit dem Gaul auf dem Album The Glass Trunk von 2013, nun ebenfalls wiederveröffentlicht. The Glass Trunk entstand auf Anregung der Tyne & Wear Archives & Museums, die Dawson aufforderten, sich in einem Archiv seiner Heimatstadt zu bedienen. Er trug dort Geschichten von Familienfreuden, Mord und Totschlag zusammen, teilweise aus dem späten 18. Jahrhundert, und formte daraus einen Zyklus aus A-cappella-Songs, gruppiert um instrumentale Stücke, in denen die beschriebenen Misshandlungen gleich an der Gitarre erprobt werden. Fast alles klingt dabei so schauerlich und nackenhaaraufrichtend wie die Ballade von der Abschlachtung eines »Poor Old Horse«, der Gehalt der Reime wird nur übertroffen von Kraft, Krampf, Verzweiflung und Pein in der Stimme des Vortragenden.

In der Ahnenreihe ähnlich veranlagter Gitarrenprimitivisten, Obertongesangsberserker und Wolfsfalsettheuler fällt Dawson seiner brutalen Zärtlichkeit und seiner zarten Brutalität wegen aus der Art. So anarchisch er den Begriff Fingerpicking auslegt, so archaisch ist die Energie dieser Musik. Schrecklich urzeitlich, schockierend modern. Dabei ist Dawson nichts anderes als ein Storyteller. Einer der größten, den das fahle englische Mondlicht seit Jahrzehnten gesehen hat. Seine Songs haben die Wirkung guter Historiografie: Sie erklären die Miseren von heute und morgen mit Fakten und Parabeln von einst. Und wir lernen immerhin, dass wir wieder nichts gelernt haben.

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