Richard Dawson – Heavy / Feature & Ticketverlosung

Foto: Kuba Ryniewicz

Wir spazieren auf nassen Pfaden durch Jesmond Dene, ein vom Industriellen Baron William Armstrong erdachtes und herbeigesprengtes Naturidyll mit Vorzeigeproduktionsstätten im entstehenden urbanen Raum: ein künstlich vertieftes Tal mitten in Newcastle mit einer verfallenen Mühle, traumhaft bemoosten Steinbrücken, weiten Wiesen – der vom Menschen in Szene gesetzte Einklang mit der domestizierten Wildnis. Dawson erzählt vom Schreibprozess seines neuen Albums Peasant. „Die ursprüngliche Idee war, zwei große Stränge ineinander zu flechten. Einer sollte, begleitet von fetten Bläsersätzen, eine Geschichte aus vormittelalterlicher Zeit erzählen. Der zweite sollte in der fernen Zukunft spielen.“ Die Sache mit der Zukunft hat Dawson dann aufgegeben, vorläufig zumindest. Peasant wurde zu einem großen Gesellschaftspanorama, verortet in finsterer Vergangenheit: im Königreich Bryneich, nachdem der Rückzug der römischen Herrschaft im Norden der britischen Inseln ein Machtvakuum hinterlassen hatte. Turbulente Zeiten, zerfallende Gemeinwesen, Menschen, denen Grausames widerfährt und die ebenso grausam handeln, die verzagen und doch hoffen: Die Songs sind bevölkert von prototypischen Charakteren der Zeit – „Weaver“, „Soldier“, „Prostitute“ –, aus deren Perspektive Dawson die Welt beschreibt, etwa mit den Weisheiten von „Beggar“: „If you rely on the kindness of strangers / It helps to have a hound for a handmaid“. Rund drei Jahre lang hat Dawson recherchiert, und doch interessiert ihn Geschichtsschreibung nicht die Bohne. Weil die Lieder Sinnbilder fürs Heute sind. „Letztlich ist das kein historisches Album“, sagt er und wiederholt, als müsse er nicht nur sein Gegenüber, sondern auch sich selbst überzeugen: „Überhaupt nicht. Gott bewahre! Es ist keine Geschichtsstunde. Es geht nicht um den Versuch, eine vergangene Zeit zu dokumentieren. Es ist modern. Hoffentlich.“

Obwohl die Energie, die in Dawsons Musik steckt, groß ist, kann man nicht behaupten, dass sie den Weg des geringsten Widerstands geht. Die Lyrics sind verschachtelt, die Sprachbilder – das Optische scheint wegen der Sehstörung in Dawsons Vorstellungswelt umso stärker zu wirken – spannen sich in halsbrecherischem Satzbau schon mal über eine gesamte Strophe, das Vokabular ist expressionistisch überzogen und wird im Vortrag noch expressionistischer zerknödelt. Folgerichtig heißt der Musikladen seines Vertrauens Curvy Sounds. Bei einem Abstecher kauft Dawson ein Präsent für den Gast aus Berlin: eine Pfeife in Kuhform, die ein ekelhaftes Quäken von sich gibt, wenn man ihr in den Arsch bläst. „Happy birthday!“, sagt Dawson mit seinem freundlichsten Lächeln und drückt einem die Arschpfeife in die Hand.

Kurz danach erklärt er die lokalen Gepflogenheiten. Newcastle ist nicht England – sagen zumindest die Geordies, die Einwohner der Stadt und der Umgebung, und präsentieren das als sonnenklare Tatsache. Schottland ist es auch nicht, dort kann aber aus einer angedrohten Schlägerei im Pub schon mal großes Schulterklopfen werden, wenn man zu erkennen gibt, dass man aus Newcastle kommt. Die Geordie-Kultur sei vor allem geprägt von ihrem speziellen Humor, macht Dawson klar, und ein zentrales Element davon ist, dass man seine besten Freunde ständig zur Sau macht. Als Beweis der Zuneigung.

Beim Treffen mit Sam Grant, dem Mitbetreiber der Blank Studios und Koproduzent der meisten bisherigen Dawson-Aufnahmen, wird nur am Rande Gebrauch von der netten Sitte gemacht. Die beiden werden fast sentimental, als sie im selbst ausgebauten Aufnahmeraum über ihre gemeinsamen Abenteuer sprechen. Die Blank Studios werden ebenfalls in Kürze umziehen, eine weitere Tür schließt sich. „Richard war immer scharf darauf, bei den Aufnahmen bis ans Limit zu gehen“, erzählt Grant. „Mit Nothing Important hatten wir einen Punkt erreicht, an dem man sich emotional kaum Grenzen auferlegt. Dann kann man im Prozess wirklich ehrlich sein: Man kann frustriert, ein bisschen verrückt oder fröhlich sein. Das macht eine Platte lebendig.“

„Im Internetzeitalter ist alles total binär, es ist entweder gut oder böse. Das ist nicht sehr gesund. Und nicht sehr wahr.“

Nothing Important war, abgesehen von Grant im Abhörraum, eine solitäre Angelegenheit: Dawson spielte die vier Songungetüme des Albums, zusammen über 45 Minuten lang, allein in diesem Raum ein: nur Gitarre und Stimme. Peasant wurde jetzt mit zahlreichen Gastmusikern umgesetzt, wobei Dawson seine Berserkerimpulse ziemlich in Zaum hielt und dafür Sergio-Leone-Western-Chöre dirigierte. „Ich wollte, dass die Botschaft dieser Platte wahrgenommen wird“, sagt er. „Plötzlich wurde es mir wichtig, so zugänglich wie möglich zu werden, ohne dabei etwas zu verlieren.“

Vor dem Spaziergang im Jesmond Dene hat Dawson seine Thesen von parallelen Universen und verschiedenen Zeitdimensionen dargelegt, die einander in besonderen Momenten berühren. Er erzählt, wie er und ein Freund im Gespräch plötzlich verstummten und körperlich spürten, dass sich in der Stadt etwas auftat und für einen Augenblick lang „offen“ stand. Eine Pforte? Eine Drehtür? „Vielleicht war es nur eine gemeinsame Halluzination“, relativiert er. „,The spinning door is in the air.‘ Das hat die irische Musikerin Áine O’Dwyer mal zu mir gesagt. Ich mochte den Satz sofort.“ Er hält O’Dwyers Zitat für die ultimative Beschreibung unserer Zeit und wiederholt es mehrfach, wie eine Beschwörungsformel.

Die verschiedenen Welten samt ihrer Übergänge sind da, daran zweifelt Dawson nicht. „Man kann rein und raus“, erklärt er, „vielleicht gehen manche auch nur rein – und dann weiter und immer noch weiter rein.“ Das Wort „abdriften“ würde passen. Wie sehr Dawson selbst driftet, ist auch nach Spaziergang, Arschpfeife und einem Pint Guinness nur schwer zu entscheiden. Fest steht, dass er den Kontrollverlust in seiner Musik auf beängstigende Weise im Griff hat. Diesmal will er, dass sie bei den Massen ankommt. „In diesen Songs steckt ein Zauber“, sagt er. „Und damit der Zauber seine Wirkung entfaltet, müssen sie gehört werden.“

Dieser Text ist erstmals in der Printausgabe SPEX No. 375 erschienen. Das Heft kann wie alle anderen Back Issues versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

Wir verlosen 2×2 Tickets für das einzige Deutschland-Konzert von Richard Dawson am 29.11. in der Berghain Kantine Berlin. Zur Teilnahme einfach eine Mail mit dem vollständigen Namen und dem Betreff „Richard Dawson“ an gewinnen@spex.de schicken. Viel Glück!

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